Berlin (dpa) l Mehr als eine halbe Million Euro an Fördermitteln des Bundes für künstliche Befruchtungen sind allein im vergangenen Jahr in Berlin ungenutzt geblieben. Von 600.000 Euro, die der Bund dem Land zur Verfügung stellte, wurden lediglich rund 59.000 Euro an ungewollt kinderlose Paare ausgeschüttet. Das geht aus einer Antwort der Gesundheitsverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage des FDP-Abgeordneten Florian Kluckert hervor, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Das übrig gebliebene Geld fließe an den Bund zurück, erklärte ein Sprecher der Gesundheitsverwaltung auf Anfrage.

Da das Förderprogramm zu gleichen Teilen von Bund und Land getragen wird, wurde auch nur ein Bruchteil der Landesmittel in den Jahren 2016 und 2017 abgerufen. "Ich bin schockiert über die Antwort der Senatsverwaltung", erklärte Florian Kluckert. Es sei ein Skandal, dass der Senat nicht alles unternehme, um Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch zu helfen, sondern das Geld verfallen lasse.

Kluckerts Anfrage ergab, dass in den Jahren 2016 und 2017 insgesamt lediglich 487 Anträge angenommen wurden, knapp 100 weitere wurden abgelehnt, etwa weil die vorgeschriebene Altersgrenze überschritten wurde. Im Schnitt erhielten Paare rund 314 Euro an Zuschüssen zum Eigenanteil. "Die Summe von 314 Euro ist lächerlich", sagte Kluckert. Eine Kinderwunschbehandlung scheitere für viele Paare an den hohen Kosten – genau für diese Menschen gebe es das Angebot.

Maximal wären in dem Programm Zuschüsse von 800 beziehungsweise 900 Euro möglich – je nachdem, ob Paare eine Reagenzglasbefruchtung (IVF) oder eine Spermieninjektion in die Eizelle in Anspruch nehmen. Daneben beteiligen sich in der Regel die Krankenkassen an den Kosten.

Jährlich 6000 Behandlungen

Es gebe in Berlin jedes Jahr etwa 6000 solcher Behandlungen, sagte das Vorstandsmitglied des Deutschen IVF Registers Andreas Tandler-Schneider der Deutschen Presse-Agentur. "Es ist nicht so, dass der Bedarf nicht da wäre." Der Mediziner spricht von durchschnittlichen Kosten von 3600 Euro für einen Behandlungszyklus.

Gleich mehrere Punkte würden dafür sorgen, dass die meisten Paare nicht in den Genuss der Förderung kommen könnten, sagte Tandler-Schneider. "In Berlin werden Paare erst ab dem zweiten Behandlungszyklus unterstützt, viele brauchen aber nur einen zum Erfolg. Bereits dafür müssten Paare meines Erachtens Unterstützung bekommen." Hinzu kämen hohe bürokratische Hürden – beispielsweise müssen die Paare eine aktuelle Meldebescheinigung vorweisen. Brandenburger, die sich in einem Berliner Kinderwunschzentrum behandeln lassen, können zum Beispiel keine Förderung beantragen.

Zudem übernähmen einzelne Krankenkassen die Kosten von vornherein komplett – manche Paare wechselten daher eher die Krankenkasse und verzichteten auf das umständliche Antragsprozedere. Er habe bereits seine Kritik am Programm beim Senat vorgebracht, sagte der Mediziner.

Bislang fördern sechs Bundesländer – neben Berlin Sachsen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen – Kinderwunschpaare mit Zuschüssen zum Eigenanteil. Die Bedingungen für die staatliche Förderung sind aber nicht überall gleich, auch die Höhe der Hilfen variiert. In Sachsen und Sachsen-Anhalt etwa können Paare bereits für den ersten Behandlungszyklus Geld bekommen.

Warum wurden die Kriterien in Berlin angesichts der geringen Nachfrage nicht gelockert? Möglich wäre es, erklärte der Sprecher der Gesundheitsverwaltung. Man habe sich bereits entschlossen, den Kreis der Berechtigten auszuweiten. "Seit dem vierten Quartal 2017 können auch unverheiratete Paare die Förderung beantragen." Im Doppelhaushalt 2018/19 seien pro Jahr nun noch je 300.000 Euro für das Programm vorgesehen. Der Bedarf sei zunächst schwer zu kalkulieren gewesen – anfangs sei man daher von den maximalen Kosten ausgegangen, basierend auf der Zahl aller für die Förderung in Frage kommenden Ehepaare.