Berlin l Es ist dunkel und eiskalt. Autos sind an diesem frühen Montagmorgen auf den großen Hauptverkehrsadern Berlins noch nicht zu sehen. Dafür aber Menschen, Hunderte Menschen, zumeist gut gelaunt. Sie laufen vom Regierungsviertel Richtung Großer Stern im Stadtteil Tiergarten. Um kurz vor 5 Uhr haben sich bereits mehrere Hundert Aktivisten von der Umweltschutzbewegung Extinction Rebellion auf dem Verkehrsknotenpunkt versammelt, eine Stunde später meldet die Polizei bereits 1000 Aktivisten. Bei drei Grad Celsius sind die meisten bestens vorbereitet: Sie tragen Thermodecken, haben Schlafsäcke dabei, einige joggen in kleinen Grüppchen um die Siegessäule, um sich warm zu halten. Andere schlafen auf Isomatten auf der Straße. Das alles nehmen sie auf sich, um mehr Klimaschutz zu fordern.

Blockaden auch in London und Paris

Mit Blockaden und anderen Protestaktionen will die Umweltschutzbewegung von Montag an nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Großstädten in aller Welt auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam machen. Aktionen soll es unter anderem in London, Paris, Madrid, Amsterdam, New York, Buenos Aires sowie in den australischen Städten Sydney, Melbourne und Perth geben. Extinction Rebellion (auf Deutsch etwa: Rebellion gegen das Aussterben) kommt ursprünglich aus Großbritannien. Nach eigenen Angaben gibt es die Gruppe seit November vorigen Jahres auch in Deutschland.

Unter den Demonstranten in Berlin herrscht Aufbruchstimmung, es gibt Trommelkreise, Sprechchöre, kleinere Gruppen tanzen im Kreis. "What do we want? Climate-Justice! When do we want it? Now!",(Was wollen wir? Klima-Gerechtigkeit!Wann wollen wir sie? Jetzt!), "Extinction Rebellion", aber auch "Hambi bleibt" (Anspielung auf Hambacher Forst) skandieren die Leute, von denen es für viele nicht die erste Klima-Demo zu sein scheint. Es sind zumeist junge Menschen, teilweise im Schulalter. Man hört einige Gruppen englisch reden, auch aus Schweden sind Aktivisten gekommen. Mit Kreide schreiben die Aktivisten Slogans auf die Straße wie "Sagt die Wahrheit" "Time to act" (Zeit zu handeln) oder "Blockieren statt krepieren".

Über Whatsapp hatte Extinction Rebellion ihre Anhänger bereits um kurz nach 4 Uhr aus dem Bett geklingelt und zum Großen Stern gerufen. Vor Ort funktioniert die Kommunikation analog: Die Aktivisten sind in sogenannten Bezugsgruppen organisiert, jede Gruppe hat eine Art Sprecher. Die Sprecher treffen sich regelmäßig in kleinen Gesprächsgruppen, besprechen das weitere Vorgehen und tragen ihre Informationen dann an die Bezugsgruppe zurück.

Aufbau einer Arche

An der Ostseite wollen die Aktivisten eine Arche aufbauen, die das Symbol ihrer Proteste werden soll, doch die Polizei lässt den Aufbau auf der Straße nicht zu. Vertreter der Aktivisten verhandeln mit der Polizei, es ist friedlich, auch wenn seit 6 Uhr ein Polizeihubschrauber über dem Platz kreist. Die Polizei hat die Zufahrten abgesperrt.

Eva Escosa-Jung von Extinction Rebellion sagt zu der ersten Aktion in Berlin: "Heute beginnt die weltweite Rebellion gegen das Aussterben. Wir stören, weil wir keinen anderen Weg sehen, um den umfassenden und tiefgreifenden Wandel herbeizuführen, der das Klima rettet." Die Klimapolitik der Regierung habe versagt. "Wälder brennen, die Meeresspiegel steigen, die Ozeane übersäuern, und weltweit sterben Wildtiere massenhaft aus – der Menschheit droht eine lebensbedrohende Katastrophe." Extinction Rebellion wende keine Gewalt, sondern Kreativität an. Am Mittag hielt auch die als Seenotretterin von Flüchtlingen bekannt gewordene Carola Rackete an der Siegessäule eine Rede.

Mittag blockierten die Klimaaktivisten den Potsdamer Platz in Berlin. U- und S-Bahnverkehr sollten verschont bleiben. Ob sich Extinction Rebellion auf die Straße konzentriert oder auch die Berliner Flughäfen ins Visier nimmt, wollten die Organisatoren nicht verraten.