Chicago l Die Initiatoren des Alkoholverbots hatten die Rechnung von Anfang an ohne den Wirt gemacht: Wenn man den Alkohol schlicht und einfach verbietet, so die Idee, könnte es künftig ja auch keine Alkoholiker mehr geben, die Produktivität würde so zunehmen, Kriminalität und Korruption hingegen abnehmen, ja sogar die Kosten für Gefängnisse und Gerichtsbarkeit wollte man auf diese Weise reduzieren, und nicht zuletzt sollte das Ganze natürlich auch der öffentlichen Moral zugutekommen. Doch es sollte völlig anders kommen, denn natürlich war das eine Milchmädchenrechnung.

Als am 16. Januar des Jahres 1920 der 18. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika in Kraft trat, der Herstellung, Transport und Verkauf von Alkohol über 0,5 Volumenprozent verbot, waren die Hoffnungen, die daran geknüpft waren, derart groß, dass sie eigentlich nur enttäuscht werden konnten.

Das edle Experiment (engl.: The Nobel Experiment), wie die Prohibition in den USA auch genannt wurde, scheiterte desaströs. Ja, mehr noch: Als das landesweite Alkoholverbot im Jahr 1933 wieder abgeschafft wurde, war alles noch viel schlimmer als zuvor. „Es war in jeder Hinsicht ein Fehlschlag“, bilanziert Mark Thornton seine Analyse des edlen Experiments als Professor für Ökonomie an der Auburn-Universität in Alabama. „Obwohl der Alkoholkonsum zu Beginn der Prohibition sank, stieg er danach wieder an.“

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Die Amerikaner wollten sich ihren Alkohol nämlich nicht so einfach verbieten lassen und wurden kreativ, um das Verbot zu unterlaufen. Da das von vielen als Kavaliersdelikt angesehen wurde, ging als erstes die Moral über Bord, die doch eigentlich von der Prohibition hatte profitieren sollen.

Der amerikanische Schriftsteller und Bestsellerautor Mark Twain meinte damals: „Die Prohibition treibt die Trunkenheit hinter geschlossene Türen und an dunkle Orte. Sie kuriert die Trunkenheit nicht.“

Der Ökonom Clark Warburton von der Columbia-Universität in New York lieferte bereits im Jahr 1932 konkretes Zahlenmaterial zum Thema. Demnach nahm der Alkoholkonsum zunächst tatsächlich ab und erreichte 1921 einen historischen Tiefstand. Allerdings wurde Warburton zufolge schon 1922 wieder viermal so viel Alkohol konsumiert wie im Jahr zuvor, und in den Folgejahren nahm der Konsum sogar noch weiter zu. Das hatte durchaus seine Gründe. Zum einen gab es da nämlich einige Schlupflöcher, die zunehmend genutzt wurden. Für religiöse und medizinisch-therapeutische Zwecke durfte Alkohol mit mehr als 0,5 Volumenprozent auch weiterhin hergestellt und verkauft werden, und so entdeckte so manch einer plötzlich seine religiöse Ader oder bemerkte seltsame Krankheitssymptome an sich.

Zum anderen wurde der Alkohol nun viel und gerne schwarz gebrannt. Da dies natürlich illegal war und deshalb oft im Schutze der Nacht bei Mondschein (engl.: moonshine) erfolgte, nannte sich diese Art des Schnapsbrennens im Volksmund auch „Moonshining“.

Die Sache hatte allerdings einen Haken: Wenn nicht sauber gearbeitet wurde, verblieb giftiges Methanol im Destillat, das schon in geringsten Mengen zu Erblindung und zum Tod führen konnte. Manche Schätzungen gehen davon aus, dass der gepanschte Alkohol der Prohibitionszeit bis zu 10.000 Menschen das Leben gekostet hat.

„Der Alkoholkonsum wurde gefährlicher“, bilanziert auch Thornton. „Viele Trinker stiegen auch auf Opium, Marihuana, Kokain und andere gefährliche Substanzen um.“ Vor allem aber nahm der Alkoholschmuggel bisher ungeahnte Ausmaße an, vornehmlich aus Kanada und der Karibik. Getrunken wurde die heiße Ware in sogenannten Flüsterkneipen (engl.: speakeasys), die sich oft in einem versteckten Hinterzimmer befanden, und den Zutritt häufig nur auf Empfehlung oder passendem Codewort erlaubten.

Ein Eldorado für Kriminelle, die sich immer häufiger zu organisieren begannen und das illegale Geschäft nach und nach weiter perfektionierten. Viele der heute legendären Nachtclubs wie das Chumbley‘s in New York City entstanden. Kam es hier zu einer Razzia, wurden die Gäste mit dem Ausruf „86!“ gewarnt und konnten über die Ausgangstür der Bedford Street 86 entkommen, während die Polizei durch den Pamela-Court-Eingang stürmte.

Auch der legendäre Cotton Club in Harlem, der von der Unterweltgröße Owney Madden geführt wurde, entstand zu dieser Zeit. Im Green Mill trafen sich die Gangster des Chicago Outfit rund um Al Capone. Das Geschäft mit dem geschmuggelten Alkohol florierte so gut, weil Behörden und Polizei oftmals wegsahen. Eigentlich war dies ja das genaue Gegenteil eines der anvisierten Ziele der Prohibition gewesen.

Als George L. Cassiday, 1930 verhaftet wurde, erzählte er der Washington Post, er habe im Laufe seiner Schmugglerkarriere vier von fünf Kongressabgeordneten mit Alkohol versorgt. Pikanterweise nannte er auch Namen, was zu großer Unruhe nicht nur bei den genannten Politikern, sondern auch in der Öffentlichkeit führte und die Diskussion um Doppelmoral und Korruption weiter befeuerte.

Die Gangster trugen derweil ihre Kämpfe um Marktanteile immer dreister in aller Öffentlichkeit aus, etwa beim sogenannten Valentinstag-Massaker am 14. Februar 1929. Sogar Kriegswaffen, wie die vollautomatische Thompson-Maschinenpistole, die bis zu 800 Schuss im Kaliber .45 pro Minute abfeuern konnte, kamen zum Einsatz.

Mit derartigen Aktionen verspielten sich die Gangster allerdings zunehmend auch den Rückhalt in der Bevölkerung, denn viele von ihnen wurden bis dato geradezu wie Helden verehrt. Im Oktober des Jahres 1931 wurde Chicagos Obergangster Al Capone wegen Steuerhinterziehung zu 11 Jahren Haft auf Alcatraz verdonnert und auch anderen Gaunern erging es nicht viel besser. Einige Ermittler, wie Eliot Ness, der als der Mann bekannt wurde, der Al Capone zu Fall gebracht hatte, oder auch die beiden Prohibitionsbeamten Isidor Einstein und Moe W. Smith, die zusammen rund 5000 Verhaftungen vorgenommen hatten, wurden später ebenfalls zu Berühmtheiten. Unterm Strich aber ging die Prohibition spätestens in den 1930er Jahren endgültig ihrem Ende entgegen.

„Die Korruption wurde zügellos“, weiß Mark Thornton. „Die Kriminalität nahm zu und organisierte sich, die Gefängnisse waren zum Bersten voll, die Gerichtsbarkeit kam nicht mehr hinterher, die Kosten explodierten.“ Zugleich brachen die Steuereinnahmen durch das Fehlen der Alkoholbesteuerung ein. Als die USA im Oktober des Jahres 1929 vom Börsencrash erschüttert wurden, der die Weltwirtschaftskrise nach sich zog, fehlte das Geld an allen Ecken und Kanten.

Die Aufhebung des Verbots würde legale Arbeitsplätze in der Herstellung, dem Vertrieb und dem Verkauf von Alkohol schaffen, die Produktivität und die Steuereinnahmen ließen sich so steigern – das zumindest erhofften sich bald immer mehr Politiker, wie etwa Franklin D. Roosevelt, der die Abschaffung des landesweiten Alkoholverbotes als Wahlversprechen seiner Präsidentschaftswahl letztendlich auch einlöste.

Doch als der 21. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika die landesweite Prohibition am 5. Dezember 1933 schließlich aufhob, war das noch nicht das Ende aller Verbote. Städte und Landkreise konnten nämlich auch weiterhin Alkoholverbote aussprechen, wenn sie denn wollten. Und in der Tat existieren bis heute noch einige sogenannte Dry Citys und Dry Countys (engl.: trockene Städte und Landkreise). Das Erbe des landesweiten Alkoholverbots ist aktuell noch an vielen anderen Stellen präsent. Unterm Strich war das Ganze einfach eine Schnapsidee.