Hannover (dpa) l Nicht alles hat sich geändert für Martin Bednarek. Aber schon sehr viel. Und es könnte ihm noch einiges bevorstehen. Hunderttausende Beschäftigte der Autoindustrie dürften in den kommenden Jahren mit der Frage konfrontiert werden, ob und wie es in ihrem erlernten Beruf weitergeht.

Bednarek hat einen Teil des Weges bereits hinter sich. In Halle 32A steht er vor einer fast haushohen Anlage, die von durchsichtigen Wänden umgeben ist. Als müsste man das Ding, das sich dahinter mit millimetergenauen Bewegungen summend in Position bringt, irgendwie zähmen. „Da gibt‘s höchstens noch etwas Schmieröl“, sagt der 47-Jährige – sonst sei alles elektrisch. Es ist eine Roboterstation an einer der modernsten Produktionslinien von VW.

Hier, am nordwestlichen Zipfel Braunschweigs, in einem unscheinbaren Gewerbegebiet zwischen Autobahn 2 und Mittellandkanal, soll in nicht allzu ferner Zukunft das Herz der Batteriesystem-Fertigung schlagen. Für 300 Millionen Euro hat der größte Autokonzern der Welt einen Ableger des örtlichen Werks hochgezogen. Linie 1 ist gerade in Betrieb, Ende 2020 soll es auch auf der anderen Hallenseite losgehen.

Indutrielle Revolution?

Viele sprechen von einer industriellen Revolution. Einer Umwälzung, die es seit Erfindung des Automobils nicht gab. Hört man Bednarek zu, wird klar, dass Deutschlands Schlüsselbranche mit mehr als 800.000 Jobs jedenfalls im größten Wandel ihrer jüngeren Geschichte steckt.

410 000 Stellen in Gefahr

Im VW-Konzern fließen bis 2024 rund 33 Milliarden Euro in die E-Mobilität, bei der Kernmarke 11 Milliarden. Kleine Firmen können solche Summen nicht stemmen. Studien zufolge könnten im schlimmsten Fall branchenweit bis zu 410 000 Stellen wegfallen. Auch bei den Großen laufen Sparprogramme, die aber mit Beschäftigung in Zukunftssparten gekoppelt sind. Audi kappt bis 2025 in Deutschland 9500 Jobs, Daimler dürfte binnen drei Jahren wenigstens 10 000 Arbeitsplätze abbauen.

Bis 2029 gilt Beschäftigungsgarantie. Doch das Werk müsse sich wie alle VW-internen Zulieferer mit externen Anbietern messen, erklärt Otto Joos, Leiter des Geschäftsfelds Fahrwerk. „Es ist ein ständiger Kampf um Aufträge. Wir haben auch viel geblutet.“ Eines sei indes unbestritten: „Wenn man die Zukunft absichern will, muss man bei der Elektromobilität mitmachen.“ Für kleinere Zulieferer sei die Umstellung aber härter.

Mit den Fahrdaten kommt die Vernetzung. Gibt es genügend Experten, um IT-Riesen Paroli zu bieten und nicht zu deren Zulieferern degradiert zu werden? VW-Chef Herbert Diess stellt sich auf turbulente Zeiten ein. „Zur Ehrlichkeit gehört: Der Sturm geht jetzt erst los“, meinte er jüngst vor Managern. Reines Autobauen reicht nicht mehr aus.

Ernst wird es zur Jahreswende 2023/24. Dann ist der Produktionsanlauf der neuen Zellfabrik angepeilt, die VW mit dem schwedischen Partner Northvolt demnächst auf der noch freien Nordfläche des Werksareals baut. Mittelfristig sollen in Salzgitter über 1000 Jobs entstehen. Ähnliches plant der PSA-Konzern mit seiner deutschen Tochter Opel und dem französischen Batteriehersteller Saft in Kaiserslautern.

Geld wird mit SUVs verdient

Hochfliegende Pläne - aber kann sich das industrieweit durchsetzen? Konzernchef Diess brachte das vorerst herrschende Dilemma auf den Punkt: Zurzeit verdienen vor allem SUVs das Geld, das in die neue Ära investiert werden muss. Ist der E-Durchbruch aber einmal da, ist ein Umsteuern zu spät.

Aber VW ist nicht alleine. In der rheinland-pfälzischen Stadt will Autohersteller Opel mit der Konzernmutter PSA und der französischen Total-Tochter Saft ab 2024 Batteriezellen für Elektroautos produzieren. Opel zufolge sollen rund zwei Milliarden Euro in die größte Batteriezellproduktion für Elektrofahrzeuge in Deutschland investiert werden. Rund 2000 Arbeitsplätze sind geplant.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hofft auf eine Renaissance der Batterieproduktion in Deutschland. „Es besteht die Perspektive, dass in wenigen Jahren die Produktion von Batteriezellen, die wir in Deutschland und Europa schon seit langer Zeit verloren glaubten, an diesen Standort zurückkehrt“, sagte der CDU-Politiker am Freitag in Kaiserslautern.