Magdeburg l „Große reden nur mit Großen“, sagt Regiocom-Chef Klemens Gutmann. Nach der Übernahme des Wettbewerbers SNT gehört sein Unternehmen zu den deutschen Top Fünf der Call-Center-Betreiber. Gutmann hofft jetzt auf neue Aufträge von Konzernen – nicht nur aus der Energiebranche.

Der Magdeburger Dienstleister Regiocom hat sein Geld bislang mit einem Komplett-Service verdient: Für Energiekonzerne verschickt Regiocom Briefe wie Abrechnungen und Mahnungen, spricht mit Kunden, unterstützt bei der kaufmännischen Verwaltung und betreibt ein eigenes Rechenzentrum. Weil Energieunternehmen in den vergangenen Jahren immer mehr dieser Prozesse auslagerten, laufen die Geschäfte gut. Mehr als 2300 Mitarbeiter arbeiten für Regiocom an zehn Standorten.

SNT als Türöffner

Die Übernahme des Call-Center-Dienstleisters SNT soll den Magdeburgern helfen, auch in anderen Branchen Fuß zu fassen. Regiocom verkündete am Freitag, dass in dieser Woche ein Kaufvertrag mit dem bisherigen Eigentümer unterzeichnet worden sei. Damit entsteht eine Unternehmensgruppe mit mehr als 5000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als 230 Millionen Euro. „Eine angemessene Unternehmensgröße ist die Voraussetzung, um mit großen Energieversorgern, Telekommunikations- oder Versicherungskonzernen neue Geschäftsmodelle zu wagen und umzusetzen“, sagt Sebastian Kerz, der gemeinsam mit Klemens Gutmann und Joan Schlieker die Regiocom-Geschäfte führt.

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Der bisherige Eigentümer, die Beteiligungsgesellschaft Livia Group aus München, sieht SNT bei Regiocom in „guten Händen“. Das Call-Center betreut Großkunden aus den Bereichen Versicherungen, Finanzen, Automotive und Telekommunikation. Größter Auftraggeber ist das Mobilfunkunternehmen Telefónica. 3300 Mitarbeiter arbeiten an sechs Standorten. Die Kontakte des Unternehmens aus Frankfurt am Main sollen für Regiocom die Türen öffnen. Die Magdeburger wollen ihre Dienstleistungen auch anderen Branchen anbieten. „Unser Plan ist, gemeinsam mit SNT neue Geschäftsfelder zu identifizieren und weiter zu wachsen“, sagt Klemens Gutmann.

Derzeit seien keine Zusammenlegungen von Firmenteilen oder Stellenstreichungen geplant, erklärte der 53 Jahre alte Geschäftsmann, der auch Präsident des Arbeitgeberverbandes in Sachsen-Anhalt ist. Gutmann: „Wir haben bis zur Nasenspitze zu tun.“ SNT soll im Gegenzug durch Regiocom vor allem bei der Digitalisierung einen Sprung nach vorne machen. Bislang seien die Frankfurter ein „klassisches Call-Center“ gewesen, so Gutmann.

Call-Center-Branche in Bewegung

In der deutschen Call-Center-Branche hatte es zuletzt eine Reihe von Übernahmen gegeben, weil immer mehr Industrieunternehmen und Mittelständler ihre Prozesse digitalisieren. Auf diesen Wandel müssen sich auch die Call-Center einstellen. Doch nicht jede Firma ist in der Lage, notwendige Investitionen alleine zu stemmen. Deshalb kommt es zu Übernahmen oder Fusionen.

Die Kaufsumme für SNT wurde nicht genannt. „Wir wachsen aus eigener Kraft“, sagt Klemens Gutmann. Um die Übernahme zu stemmen stellten aber auch Geldinstitute – unter anderem die Deutsche Bank und die Investitionsbank Sachsen-Anhalt – Darlehen zur Verfügung. Die Übernahme sei für Regiocom ein „Meilenstein“, so Gutmann, der den Dienstleister 1994 gemeinsam mit Sebastian Kerz und Joan Schlieker gegründet hatte. Vor der SNT-Übernahme lag der Jahresumsatz bei 153 Millionen Euro.