Magdeburg l Ein Bild wird von der Personalversammlung am Freitag im Magdeburger Uniklinikum bleiben: Es ist ein Ausschnitt aus einem Film, projiziert von der Klinikleitung an die Videowand des zentralen Hörsaals: Ein Riese steht auf einem Abhang – vom Gipfel rast eine gewaltige Felskugel auf ihn zu. Der Hüne stellt sich der Wucht der Masse entgegen, bringt sie zum Stehen und schützt so ein talabwärts gelegenes Städtchen. Doch dessen Bewohner haben – ahnungslos über ihre Lage – nichts Besseres zu tun, als ihren Retter mit Pfeilen zu beschießen. Am Ende gibt dieser die Kugel wieder frei. Es kommt, was kommen muss ...

Es ist ein Bild, das nach Ansicht der Leitung die aktuelle Lage des Magdeburger Uni-Klinikums ziemlich passend beschreibt. Der Riese, das sind die mehr als 4000 Mitarbeiter, die den Betrieb des größten Krankenhauses im Landesnorden gegen alle Widrigkeiten am Laufen halten. Die Pfeile stehen für das wahrgenommene Wegschauen der Landespolitik trotz Kenntnis der brisanten Situation.

Die Botschaft: Weil das Land bei Investitionen in die veralteten Gebäude und Geräte der Klinik entgegen seinen Pflichten seit Jahren spart, muss die Belegschaft an ihre Grenzen gehen, um die Verluste zu kompensieren. Jetzt ist sie damit am Ende ihrer Möglichkeiten angekommen. Die veraltete Infrastruktur drückt mächtig auf die Bilanz.

Bei einer kurzfristig einberufenen Personalversammlung zur schwersten Haushaltskrise im Krankenhaus seit der Wende sucht die Leitung gestern dann auch demonstrativ den Schulterschluss mit der Belegschaft. „Bis zum heutigen Tag haben Sie trotz desaströser Infrastruktur ihre Patienten bestmöglich behandelt“, sagt der Ärztliche Direktor Hans-Jochen Heinze den mehr als 200 Anwesenden im Saal. Ob Verwaltung, Stationen, technischer Service oder Sterilisation – aus allen Bereichen sind die Mitarbeiter zusammengekommen, viele stehen oberhalb der Stuhlreihen auf dem Gang.

Immer mehr Mitarbeiter verlassen das Haus

Heinzes rechte Hand, die kaufmännische Direktorin Kerstin Stachel, sagt dann den Satz, auf den wohl die meisten gewartet haben: Stellenabbau wird es trotz des erwarteten Rekorddefizits von 27 Millionen Euro 2019 nicht geben. „Wir werden das Blatt nicht wenden, indem wir Stellen weiter senken, auch wenn mancher das vielleicht von uns erwartet.“ Im Gegenteil: Man wolle die Belastung für die Mitarbeiter senken und das Haus durch Tarifanpassungen in diesem Jahr attraktiver machen – auch wenn allein das mit 10,2 Millionen Euro auf den Etat drücke. Heinze und Stachel ernten für ihre Worte lauten Applaus. Der Druck zu handeln, ist allerdings auch hoch.

Schon im Vorfeld der Versammlung hatte Personalratschef Markus Schulze der Volksstimme von Verunsicherung und Frust in der Mitarbeiterschaft wegen der Lage berichtet. Tatsächlich herrscht nach Zahlen der Geschäftsführung wegen der Arbeitsbedingungen im Klinikum seit längerem erhebliche Fluktuation: 127 Pflegekräfte blieben demnach zuletzt weniger als ein Jahr. Allein 2018 gingen 84 Pflegekräfte, noch 2014 waren es nur 24. Zuletzt fehlten in kritischen Bereichen außerdem 35 Ärzte. Das Gelingen ihrer Pläne knüpfen Heinze und Stachel allerdings eng an Zusagen aus der Landespolitik. Diese müsse endlich die nötigen Investitionsmittel in Gebäude, Geräte und Technik erhöhen, sagt der Ärztliche Direktor.

Zustimmung aus der Belegschaft

100 Millionen Euro zusätzlich seien in den nächsten vier Jahren nötig. Sieben Bereiche, darunter Küche, Labore und Hautklinik, müssten sofort erneuert werden. „Die Hütte brennt, es muss unbedingt etwas geschehen.“ Das habe er in einer dreieinhalbstündigen Unterredung am Donnerstag auch den Mitgliedern des Wirtschaftsausschusses im Landtag so erklärt, so Heinze. Und es sehe gut aus: „Die Probleme wurden erstmals akzeptiert, wir sind überzeugt, dass die Aufklärung gelungen ist.“ Tatsächlich wollen Finanz- und Wirtschaftsausschuss nach Volksstimme-Informationen Anfang Juni gemeinsam über das Thema beraten. Nicht überall sieht man die Verantwortung allerdings so eindeutig verteilt, wie in der Personalversammlung von der Klinikleitung vermittelt. Vor allem aus Ministerien hört man auch gestern den Hinweis, die Uniklinik Halle wirtschafte bei entsprechenden Landeszuweisungen für Investitionen wirtschaftlicher. Das Haus schrieb zuletzt leicht positive Zahlen.

Die Mehrheit der Mitarbeiter hat die Klinikleitung aber überzeugt: „Es wurden wichtige Dinge angesprochen und es wurde Wertschätzung vermittelt“, sagt etwa Renate Schnurra aus der Zentralen Sterilgutversorgung (ZSVA). Es stimme schon, es sei nicht sicher, ob der Weg aus der Krise gelingen werde. „Aber das Signal war wichtig“, ergänzt sie. Ihre Kollegin stimmt ihr zu.