Magdeburg l Früher Nachmittag im nördlichen Stadtzentrum von Magdeburg, trüber Himmel. Karl Gerhold ist trotzdem blendend gelaunt. Er will sich ansehen, was es im Wissenschaftshafen Neues gibt. 200 Millionen Euro investiert der Unternehmer in Magdeburg in Immobilien und Start-Ups. Allein im Wissenschaftshafen sind es 100 Millionen. Stadthäuser entstehen, der frühere Speicher A des einstigen Handelshafens ist im Mai dieses Jahres wiedereröffnet worden. Die Firma Neoscan Solutions hat hier ihr Domizil gefunden. Sie entwickelt MRTs speziell für Neugeborene. Bald soll das Medizinprodukt marktreif werden. Gerhold investiert, weil er an die Idee der Gründer glaubt. Er selbst war es auch, der sie von Erlangen nach Magdeburg lotste. Dass ihn sein Gespür bei einer Geschäftsidee trügt, kommt selten vor.

Ein Vorreiter beim Contracting

In Magdeburg hat Karl Gerhold 1993 Getec gegründet. Der Umsatz der Unternehmen der Getec-Gruppe beträgt heute mehr als zwei Milliarden Euro. In Deutschland und anderen europäischen Ländern gehört Getec zu den führenden Energiedienstleistern.

2017 war der Investor EQT bei drei Gesellschaften der Getec-Gruppe eingestiegen. Wachsen lautete der Anspruch. Das schwedische Unternehmen hält 75 Prozent der Geschäftsanteile. Gerhold ist Minderheitsgesellschafter. Bei weiteren Unternehmen der Getec Energie Holding ist er Alleingesellschafter.

1993, zum Zeitpunkt der Firmengründung, war Gerhold noch kein Fachmann in seiner Branche. Er habe sich lediglich stark für das Thema Energie interessiert, sagt er. Und da lag nach der Wende im Osten einiges brach. „Die Wärmeversorgung war desolat“, erinnert sich Gerhold. Er sprach die Wohnungsbaugesellschaften in Magdeburg an und unterbreitete ihnen seine Idee. Contracting lautete das Zauberwort. Die Getec würde die Wärmeversorgung in den Wohngebäuden organisieren, indem sie kleine Blockheizkraftwerke baut und betreibt. Das Risiko für die Wohnungsbaugesellschaften – überschaubar. Der Dienstleister aus Magdeburg stemmte die Investitionen. Man vereinbarte Verträge mit langer Laufzeit. Getec hatte seine ersten großen Kunden. Um seine Vision zu vermitteln, setzte Gerhold von Anfang an auf Gespräche von Angesicht zu Angesicht. Damit fahre er bis heute gut, sagt der 68-Jährige.

Aus Niedersachsen kommend, hatte er nach 1990 die Verwaltung in Sachsen-Anhalt mit aufgebaut, war ein Jahr Chef der Staatskanzlei. Als die Aufgabe im Herbst 1991 endete, gründete er zunächst eine Unternehmensberatung. Mitunter hieß es, er habe mit Getec so schnell in die Erfolgsspur gefunden, weil er exzellente Kontakte in die Politik unterhalten habe. Seinen Erfolg macht er selbst zuvorderst daran fest, dass er mit Getec in Magdeburg 1993 zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen sei. Zwei Jahre später war „das Thema durch“. Als andere auf den Contracting-Zug aufsprangen, machte er mit seinem Unternehmen bereits einen Umsatz von 15 Millionen Mark. Neue Geschäftsfelder kamen im Fortlauf hinzu. Diese Flexibilität sei immer ein großer Vorteil gewesen, sagt Gerhold.

Politik muss Wissenschaft fördern

Während Getec Anfang der 90er durchstartete, war es um andere Betriebe in Ostdeutschland weniger gut bestellt. Viele wurden von der Treuhand privatisiert oder abgewickelt. So tragisch das Sterben vieler Betriebe war, zur Arbeit der Treuhand kann sich Gerhold bis heute keine Alternative vorstellen. Auch der Unternehmer hätte die Möglichkeit gehabt, Betriebe zu übernehmen. Er habe das als heikel empfunden. Ihm war klar, er hätte Menschen enttäuschen müssen.

Die heutige Lage der Wirtschaft in Sachsen-Anhalt beurteilt der 68-Jährige positiv. Sicher, es fehlten die großen Unternehmen, die Konzernzentralen. Vielerorts im Osten ist das so. Bundesbehörden auch in Sachsen-Anhalt anzusiedeln, das könne eine Impulswirkung haben, meint Gerhold. Wichtig außerdem: Die Politik müsse Wissenschaft und Hochschulen stark fördern. In den vielen innovativen kleineren Unternehmen und insbesondere in den Start-Ups in Magdeburg sieht er viel Potenzial.

In Magdeburg fühlt sich Gerhold sehr wohl. Anfang der 90er hätte er nicht daran geglaubt, dass sich die Stadt so exzellent entwickeln würde. In der Landeshauptstadt hat Gerhold nach wie vor seinen Lebensmittelpunkt. Und dass Magdeburg noch attraktiver wird, daran will er nicht zuletzt mit seinen Projekten weiter arbeiten.