Magdeburg l In aller Munde ist es derzeit, das Glyphosat. Olaf Feuerborn, als Vertreter der Bauern in Sachsen-Anhalt, sagt, was er von der Diskussion hält, spricht über die Bedeutung des Herbizids für die Landwirtschaft und führt aus, wie es um potenzielle Alternativen für das in der Kritik stehende Unkrautvernichtungsmittel bestellt ist.

Nach dem Alleingang von Landwirtschaftsminister Christian Schmidt hat die Glyphosat-Debatte ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Wie bewerten Sie als oberster Vertreter der Bauern Sachsen-Anhalts die Zulassungsverlängerung?
Olaf Feuerborn:
Ich sehe die Zulassungsverlängerung als richtig und bin froh, dass es endlich zu einer Entscheidung gekommen ist. Wenn man alle wissenschaftlichen Gutachten einbezieht, angefangen beim Bundesamt für Risikobewertung und dem Bundesamt für Verbraucherschutz über die Europäische Behörde für Lebensmittel (Efsa) hin zur Weltgesundheitsorganisation (WHO), die alle zu dem Schluss gekommen sind, dass das Mittel nicht krebserregend ist und es bei ordnungsgemäßer Anwendung nicht zu Gesundheitsschäden führt, dann ist das die richtige Entscheidung gewesen.

Zumindest die Internationale Krebsforschungsagentur der WHO kommt zu anderen Ergebnissen. Sie stuft das Mittel als wahrscheinlich krebserregend ein. Die Efsa hat zudem auch Studien ausgewertet, die von den Herstellern Monsanto und Cheminova selbst in Auftrag gegeben wurden und noch immer unter Verschluss gehalten werden. Hat die Öffentlichkeit angesichts dessen nicht allen Grund, misstrauisch zu sein?
Ich kann nicht beurteilen, was da drin steht. Ich halte mich an die Fakten des Bundeamtes für Risikobewertung, das für uns ausschlaggebend ist. Man hat dem Bundesamt für Risikobewertung auch vorgeworfen, dass Passagen aus der Stellungnahme von Monsanto abgeschrieben wurden, aber es ist durchaus üblich, dass Passagen, soweit sie zutreffen, auch übernommen werden können. Ich glaube, das sind Spitzfindigkeiten. Wichtig ist, dass die wissenschaftliche Arbeit verantwortungsbewusst durchgeführt worden ist und da habe ich Vertrauen in unsere Behörden. Dafür stehen sie zu sehr unter Beobachtung und würden es sich nicht erlauben, eine Stellungnahme abzugeben, die nicht ihren Untersuchungen entspricht. Außerdem hat jeder Wirkstoff Vor- und Nachteile. Auch wenn wir uns selbst betrachten, was wir jeden Tag machen oder womit wir uns waschen, dann finden wir genau wie beim Glyphosat ein Für und ein Wider.

Sehen Sie die Zulassung von Glyphosat denn mit dem Vorsorgeprinzip der EU vereinbar, nach dem alle Schäden für Gesundheit und Umwelt weitestgehend verringert und ausgeschlossen werden sollen?
Wir können an vielen Stellen über das Vorsorgeprinzip reden, aber ich sehe es bei Glyphosat gewährleistet. Wir können uns zwar darüber unterhalten, ob es immer und überall eingesetzt werden muss, aber es gibt Situationen, in denen es sehr sinnvoll ist.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel bei Hochwassersituationen. In den letzten Jahren hatten wir öfter solche Starkregenereignisse und wenn diese zum falschen Zeitpunkt kommen und der Boden nicht durch Wurzelbewuchs geschützt ist, dann wird er weggeschwemmt. Wenn man den Boden mit Pflug oder Grubber bearbeitet, ist er ungeschützt, vor allem das Wurzelwerk der Grünpflanzen. Wenn man jedoch Glyphosat auf die Pflanzen spritzt, dann wird der Wirkstoff über den Saftstrom in der Pflanze verteilt und sie stirbt ab, bleibt aber samt Wurzel an derselben Stelle. Bilden dann neue Pflanzen, Kulturpflanzen oder Unkräuter ein neues Wurzelwerk, ist das alte noch da, um den Boden festzuhalten. Insofern wirke ich mit Glyphosat zum Beispiel dem Abschwemmen entgegen.

Was hat Glyphosat noch für Vorteile?
Wenn Landwirte den Boden bearbeiten, dann benutzen wir einen Grubber oder einen Pflug. In bestimmten Situationen oder unter gewissen Witterungsbedingungen ist es aber besser, Glyphosat einzusetzen, vor allem bei der konservierenden Bodenbearbeitung. Konservierend heißt, den Boden nicht zu pflügen oder zu grubbern, denn da würde man den Boden stark bewegen und so Kohlenstoffdioxid freisetzen. Das passiert mit Glyphosat nicht. Zum anderen müssen wir in unserer mitteldeutschen Tiefebene wassersparend arbeiten und jeder Bodenbearbeitungsgang kostet Wasser. Glyphosat hilft Landwirten Wasser zu sparen. Wenn man den Boden aber unnötig oft bearbeitet, trocknet er aus und die jungen Saatpflanzen haben kein Wasser, um richtig anzuwachsen. Mit Glyphosat kann man den Wuchs an Wildkräutern dezimieren, damit er für die Kulturpflanzen keine Konkurrenz ist.

Und dann werden alle unerwünschten Pflanzen abgetötet?
Damit tötet man die Pflanzen ab, die grün sind. Das heißt nicht, dass die Pflanzen, die keimen, dadurch abgetötet werden. Danach kann ich die Kulturpflanze aussäen und sie hat die gleiche Chance wie jedes Wildkraut, das daneben aufläuft. Wenn dort aber Altwildkraut steht, das schneller wächst als die Kulturpflanze, dann bekommt man das nicht in den Griff oder man muss teurere und chemisch vielleicht wesentlich gefährlichere Mittel verwenden, um das Wildkraut zu bekämpfen, was zusätzlich meine Kulturpflanze schwächen würde.

Was hat es mit den sogenannten genveränderten Pflanzen auf sich, die häufig im Zusammenhang mit Glyphosat erwähnt werden?
Es gibt immer wieder Bilder, die uns suggerieren, es würden genveränderte Pflanzen angebaut werden, dabei gibt es die in Europa gar nicht, sondern eher in Amerika. Genveränderte Pflanzen heißt, es sind Pflanzen gezüchtet worden, die gegen den Wirkstoff Glyphosat resistent sind. Das bedeutet, es wird zum Beispiel eine Maispflanze oder eine Zuckerrübe ausgesät, die zu wachsen anfängt. Und wenn dann die Wildkräuter daneben aufwachsen, spritzt man Glyphosat darüber, dann gehen alle Unkräuter kaputt, aber die Kulturpflanze bleibt stehen, weil sie resistent ist. Aber, wie gesagt, das haben wir in Europa nicht.

Also wird Glyphosat hierzulande eher punktuell eingesetzt?
Genau. Landwirte dürfen zwar nach den Anwendungsbestimmungen bis zu zehn Liter pro Hektar einsetzen, machen wir in Deutschland und Europa aber nicht. Wenn, dann setzen wir nur ein oder zwei Liter ein, um in der Fläche einen Bestand abzuspritzen. In Nord- und Südamerika werden acht bis zehn Liter ausgenutzt, ob jetzt nur in einer Anwendung oder in mehreren. Bei uns könnte man bei den Mengen keine Kulturpflanze hinstellen. Wenn diese schon stehen würde und man würde Glyphosat einsetzen, ginge die Kulturpflanze auch kaputt. Also setzen Landwirte Glyphosat vor der Saat einmal ein, um Wasser zu sparen, dann brauchen wir den Boden nicht unnötig bearbeiten und verlieren nicht unnötig Wasser, was der Keimung unserer Kulturpflanzen zu Gute kommt. Außerdem wird kein Kohlenstoffdioxid freigesetzt.

Als weiteres großes Problem gilt die Artenvielfalt. Zerstört Glyphosat nicht den Lebensraum zahlreicher Tiere?
Nehmen wir das Beispiel Regenwurm. Wenn ich Glyphosat einsetze, dann zerstöre ich natürlich seinen Lebensraum, aber wenn ich den Boden bearbeite, entziehe ich ihm und anderen kleinen Tieren genauso die Nahrungsgrundlage und vernichte sie dadurch. Mit einer Maschine würde man sie töten, mit Glyphosat nicht. Ich nehme ihnen vielleicht vorübergehend die Nahrungsgrundlage, weil das frische Unkraut nicht mehr da ist, aber zum einen haben sie einen gewissen Vorrat in ihrem Bau, womit sie sich ein paar Tage über Wasser halten können und zum anderen kommen dann schon wieder neue Unkräuter, die ihnen wieder Nahrung bieten. Natürlich kann man sich um Artenschutz und Artenvielfalt streiten. Ich würde das Glyphosat für uns aber nicht verteufeln. Es ist zwar für die Landwirtschaft ein wichtiges Werkzeug, aber nur eines von mehreren.

Gäbe es denn derzeit ernsthafte Alternativen außerhalb des chemischen Bereichs?
Natürlich könnte man, wie im Öko-Bereich, mit dem Striegel oder der Hackmaschine arbeiten. Das funktioniert manchmal sogar sehr gut, aber nicht in jeder Situation. Der Erfolg hängt von den Witterungen ab. Wenn wir ein feuchtes Frühjahr haben, dann klappt es gut. Dann macht man einen Bodenbearbeitungsgang und hofft, dass das herausgerissene Unkraut abstirbt. Das wird es aber nur, wenn die Sonne scheint und die Wurzel austrocknet. Wenn es feucht bleibt, dann wird es wieder angedrückt und wächst wahrscheinlich weiter. Wenn ich Glyphosat einsetze, passiert das nicht. Dann wird der Wirkstoff über die Pflanze in der Wurzel verteilt und die Pflanze stirbt ab. Jeder Landwirt muss immer abwägen, welche Witterungsbedingungen vorliegen und welches Arbeitsmittel er einsetzt. Nur der Bio-Landwirt verwendet natürlich kein Glyphosat. Ihm kann es aber passieren, dass das eine oder andere Unkraut wieder anwächst und er mit der Handhacke nacharbeiten muss. Das ist arbeits- und zeitaufwendig. Die Frage ist also, ob man die Zeit und das Personal hat, um das bewerkstelligen zu können.

Neueste Gedankenspiele von Landwirtschaftsminister Schmidt sehen ein Teilverbot von Glyphosat vor. Mittelfristig könnte die Zukunft von Glyphosat also gefährdet sein. Zeichnen sich denn praktikable Alternativen ab, die künftig auf einem ähnlichen Niveau wie Glyphosat eingesetzt werden könnten?
Auf dem gleichen preislichen Niveau, wie wir es heute einsetzen, nicht. Sicher werden Landwirte dann mit anderen Methoden arbeiten müssen, aber die werden uns mehr Geld kosten. Ob sie überdies unbedingt umweltverträglicher sind, ist eine ganz andere Frage. Sollten wir zum Beispiel den Pflug wieder mehr einsetzen, bedeutet das auch mehr Freisetzung von Kohlenstoffdioxid und das widerspricht wiederum unseren Klimazielen, die uns ja auch ein Anliegen sind. Insofern sind das immer zwei Paar Schuhe, die man berücksichtigen muss.

Wie ist die Landwirtschaft denn früher ohne Glyphosat ausgekommen?
Da waren viel mehr Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt. Aber in das Zeitalter, in dem wir Unkraut intensiv mit der Hand bearbeiten können, werden wir nicht zurückkommen. Da mangelt es uns an Personal, das bereit ist, das zu tun. Auch Saisonarbeitskräfte aus anderen Ländern, wie Polen, werden weniger, weil dort die Sozialstandards gestiegen sind. Da sind im Moment noch die Rumänen oder Bulgaren, für die es sich lohnt. Aber auch bei ihnen wird es eine Frage der Zeit sein, denn als Mitglied der EU haben sie das gleiche Anrecht auf höhere soziale Standards. Und das ist uns ja auch wichtig. Schließlich hat gemeinsames Denken und Handeln in den vergangenen siebzig Jahren unseren Frieden gesichert. Oft heißt es auch, wir hätten genug Arbeitslose, die das machen könnten, doch alle Versuche, sie einzuspannen, sind kläglich gescheitert. Dass man das Verständnis dafür weckt, diese Arbeit zu tun, wenn man es anders auch einfacher haben kann, ist schwierig. Und das ist zutiefst menschlich. Das würde jeder von uns, wenn er nicht muss, auch nicht machen wollen.