Dresden (dpa) l Die Elbe ist ein launischer Fluss. Mal erlaubt sie, dass Güterschiffe Ladung auf ihr hin- und herschippern. Doch oft macht sie ihnen an vielen Stellen jede Fahrt unmöglich. Für Unternehmen, die die Elbe als Transportweg brauchen, ist der 1100 Kilometer lange Fluss ein extrem unberechenbarer Geschäftspartner.

"Das Problem sind die Wasserstände, die das Jahr über keine kontinuierliche Fahrt zulassen", sagt René Oloff, der den Hamburger Standort der Deutschen Binnen-Reederei leitet. "Das unterbricht den Service. Die Kunden wollen aber das ganze Jahr über beliefert werden." Die drei Siemens-Werke in Görlitz, Dresden und Erfurt, wo Turbinen, Transformatoren und Generatoren hergestellt werden, sind auf den Fluss angewiesen. Manche Maschinen könnten nur über den Wasserweg transportiert werden, weil sie zu groß und zu schwer für Schiene oder Straße seien, heißt es hier. "Wenn die Elbe längere Zeit nicht schiffbar ist, kann daraus Lieferverzug entstehen."

Hoffnung für die Wirtschaft

Die Menge der auf der Elbe verschifften Güter hat sich – wohl auch deshalb – auf einem sehr niedrigen Niveau eingependelt. Das Wasser und Schifffahrtsamt in Magdeburg zählte im vergangenen Jahr gerade einmal 0,35 Millionen Tonnen Waren – der zweitniedrigste Wert seit 1997. Zum Vergleich: Im Elbegebiet, zu dem auch die angrenzenden Kanäle gehören, waren es knapp 18 Millionen Tonnen. Nun gibt es für die Wirtschaft neue Hoffnung, dass der Fluss bald für den Güterverkehr gezähmt wird. Grund ist das Gesamtkonzept Elbe, ein Papier, das Naturschützer und Vertreter der Schifffahrt dreieinhalb Jahre lang gemeinsam ausgehandelt haben.

Es wurde im Januar beschlossen und sieht vor, die Elbe künftig mehr als elf Monate im Jahr für Schiffe befahrbar zu machen – mit einer durchschnittlich 1,40 Meter tiefen Fahrrinne. Bedingung: Dafür nötige Maßnahmen dürfen der Natur nicht schaden. Im Juni hat sich dazu auch der Bundestag geäußert. Ein seit 2002 geltender Ausbaustopp ist seitdem faktisch aufgehoben. "Dadurch entsteht jetzt die Möglichkeit, die Elbe wieder anzupassen", sagt Stefan Kunze, Vorsitzender des Vereins Elbe-Allianz. Derzeit seien eigentlich schon 95 Prozent des Flusses für Schiffe in Ordnung. Aber fünf Prozent müssten "angepackt" werden, sagt Kunze.

Zwei Knackpunkte macht er aus. Einer ist die Strecke zwischen Elster und Saalemündung, die an den Städten Wittenberg, Dessau und Roßlau vorbeiführt. Dem Elektronischen Wasserstraßen Informationsservice Elwis zufolge lag die Fahrrinnentiefe hier im vergangenen Jahr an 285 Tagen unter 2,02 Meter – diese Tiefe brauchen Schiffe für den Transport von Massengütern. An 98 Tagen war die Rinne nicht einmal 1,40 Meter tief.

Probleme mit Sandbänken

"Das ist der kritischste Bereich", sagt Kunze. "Wir haben Erosion, die Elbe gräbt sich ein." Andernorts entstünden dadurch Sandbänke, die für Schiffe unüberwindliche Hindernisse sein können. Weiter flussabwärts bereite die sogenannte Reststrecke bei Dömitz in Mecklenburg-Vorpommern mit Sandbänken Probleme.

Was also kann getan werden, damit diese Engpässe verschwinden? "Es geht nicht darum, die Fahrrinne auszubaggern", sagt Kunze. "Es geht darum, behutsam etwas zu machen." Staustufen seien ohnehin keine Option. Aber man könne Buhnen bauen, eine Art kleine Landzungen, die vom Ufer aus ins Wasser ragen. Sie erhöhen die Fließgeschwindigkeit, Sediment wird abgetragen und die Fahrrinne wird tiefer.

Doch was für die Wirtschaft ein Grund zum Hoffen ist, ist für Umweltschützer Anlass zu Kritik. Mit der Forderung, schnell neue Buhnen zu planen, verlasse man den Rahmen des ausgehandelten Konzepts, sagt Iris Brunar, die die Naturschutzorganisation BUND bei der Entwicklung des Konzepts vertreten hat. Zuerst müsse geprüft werden, ob eine weitere Vertiefung überhaupt möglich sei – und dabei auch der ökologische Zustand der Elbe verbessert werde. Schon jetzt seien die Elbauen extrem trocken. Neue Buhnen könnten das Problem verschärfen.

Ob dank neuer Buhnen wirklich mehr Güter von Straße und Schiene aufs Wasser kommen? Brunar bezweifelt das. "Seit dem Hochwasser 2013 führt die Elbe fast durchgehend Niedrigwasser", sagt sie. Dabei sei der Ausbauzustand noch nie so weit gewesen wie jetzt. Es fehle schlicht Wasser. "Die Elbe wird immer unzuverlässig bleiben", sagt sie voraus. Wenn der Fluss jetzt weiter ausgebaut werde, gerate der mit Abstand wichtigste Wirtschaftsfaktor der Region in Gefahr: der Naturtourismus mit dem Elberadweg.