Magdeburg l Im Forum Gestaltung, einem Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft in Magdeburg, sind fast 90 Prozent der Flächen vergeben. Um zu zeigen wie hoch die Nachfrage nach den Räumen im Zentrum der Landeshauptstadt ist, bleibt Ralph Tyszkiewicz vor einer Tafel im Eingangsbereich stehen. Mit der Hand deutet er auf den Lageplan, der Mieter zeigt. 22 Firmennamen stehen auf den Schildern. Nur ein Büro im zweiten Obergeschoss und zwei Werkstatträume im Keller sind noch frei. Tyszkiewicz ist Geschäftsführer der Gesellschaft für Wirtschaftsservice Magdeburg (GWM), die das Kreativzentrum verwaltet.

Der alte Backsteinbau ist ein Ort, an dem junge Leute seit mehr als 100 Jahren ihre Zukunft gestalten. 1870 errichtet, zog wenig später die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg ein. Ab 1963 wurde Ingenieur-Nachwuchs in den Räumen ausgebildet. Nach dem Fall der Mauer entdeckte die Hochschule Magdeburg-Stendal das Gebäude. 2015 lief der Mietvertrag mit der Stadt aus. Noch heute ist der Ort von seiner Vergangenheit gekennzeichnet. Der Charme der alten Lehranstalt ist schwer abzulegen.

Das Büro von Thomas Eckhoff ist hell. Weiße Wände. Hohe Decke. Eckhoff sieht kein altes Klassenzimmer, sondern Freiraum. Viel Platz für Kreativität. Genau das hat er gesucht. Seit September ist er Mieter im Forum Gestaltung. An seinem gläsernen Schreibtisch, in der Mitte des Raumes, arbeitet er an neuen Design-Konzepten. Eckhoff ist ein „Ein-Mann-Unternehmen“. DQ9 heißt seine Firma. Nebenbei macht der 39-Jährige noch einen Koch-Blog. Die Küche dafür hat er extra einbauen lassen. Die fehlenden Arbeitsplatten sollen demnächst geliefert werden. Eckhoff ist hier, weil es ihm gefällt, mit vielen jungen Unternehmern an einem Ort zu arbeiten. „Die Flurgespräche nehmen manchmal viel Zeit in Anspruch“, sagt er.

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Wonach Gründer suchen

Der Austausch zwischen den Gründern ist wichtig, sagt Christian Krutzger. Der 32-Jährige leitet sei Dezember des vergangenen Jahres das Technologie- und Gründerzentrum (TUGZ) der Universität Magdeburg. Er kennt das Anforderungsprofil, das junge Menschen an ihren ersten Firmensitz haben, aus dem Effeff. „Gründer suchen nach Atmosphäre und nach Freiräumen. Sie brauchen Platz für Kreativität und Raum für Gespräche, sowohl mit Kunden als auch mit anderen jungen Unternehmern“, erklärt Krutzger.

Ralph Tyszkiewicz hat in den vergangenen Monaten genau auf die Bedürfnisse seiner Mieter geachtet. Ein ehemaliger Seminarraum wurde zur Gemeinschaftsküche umfunktioniert. Herd und Spüle stellte die GWM, Tisch und Stühle die Mieter. So ist im Gebäude ein Treffpunkt entstanden. Ihre Büros haben die Gründer selbst renoviert. Tyszkiewicz erlässt seinen Mietern dafür ein paar Monatskaltmieten. Das hilft den jungen Unternehmen. Nicht selten ist die finanzielle Lage der Gründer am Anfang angespannt. Dennoch fällt die Miete nicht besonders günstig aus. Kalt bezahlen die Firmen 4,50 Euro pro Quadratmeter, hinzu kommen Betriebskosten. „Der Mietpreis ist nicht das Argument, der die Gründer zu uns führt“, glaubt Tyszkiewicz.

Auch andere Städte beiten Räume

In einer Werkstatt haben die sieben jungen Männer von Unity Design ihr berufliches Zuhause gefunden. In dem Raum lagern Materialien wie Holz, Zement und Metall. Die Reste eines Motorrads stehen in einer Ecke. An der Tür weist ein Zettel auf selbst auferlegte Disziplin hin: Nach der Arbeit aufräumen nicht vergessen. Im Innenhof finden manchmal Grillabende statt. Die Desginer fühlen sich frei: „Man kann nur kreativ sein, wenn man die Umgebung dafür hat“, sagt Levin Günther, einer der Gründer. Aus alten Lampen werden in der Werkstatt echte Designer-Möbel. Aus Fenstern, etwas Holz und Zement machen die Gründer auch gerne mal einen Tisch. Die Köpfe der sieben Studenten sind voller Projekte.

Landesweit gibt es Platz für junge Gründer. In Magdeburg stellt zum Beispiel die Universität ideenreichen Studenten Coworking-Space zur Verfügung. In Halle bietet unter anderem das Mitteldeutsche Multimediazentrum jungen Firmen Platz, in Dessau die Bauhaus Open Studios. Sachsen-Anhalt kämpft seit Jahren um mehr junge Gründer. Diverse Studien hatten den Aufholbedarf immer wieder bescheinigt.