Blankenburg l Ganz oben, gleich unter dem Dach der Fabrikhalle, ist der Arbeitsplatz von Kristina Ehlert. Von hier hat die Geschäftsführerin der Stahlbauunternehmens Ehlert in Blankenburg (Landkreis Harz) alles im Blick. „Manchmal fühle ich mich wie ein Kapitän“, sagt die Frau mit den kurzen braunen Haaren. Dann steht sie draußen und lehnt an der Brüstung. Das sieht ein bisschen so aus, als stünde dort eine Kommandantin auf der Brücke eines Schiffes, die ihren Mitarbeitern bei der Arbeit zuschaut. Doch Kristina Ehlert ist nicht so. „Die Transparenz gilt für beide Seiten“, erklärt die 42 Jahre alte Inhaberin des traditionsreichen Betriebs. Die „Brücke“ im Unternehmen Ehlert hat große Fenster. So können auch die Mitarbeiter ab und an der Chefetage auf die Finger schauen.

In der Werkshalle fliegen die Funken. Mitarbeiter schweißen und schneiden Metallteile zu. Die Kunden des Blankenburger Betriebs kommen aus der Chemie- und Bauindustrie, der Lebensmittel- und der Automobilbranche. In dieser Woche entsteht in der Halle auch das Fundament für eine Windenergieanlage. Stahlbau Ehlert produziert Einzelstücke und kleine Serien. Auftraggeber schätzen die Genauigkeit, mit der in Blankenburg Produkte wie Behälter oder Schalldämpfer für Industrieanlagen hergestellt werden. Jedes Jahr macht das Unternehmen gut drei Millionen Euro Umsatz.

Studium in London

1936 legt Großvater Arthur den Grundstein. In Güsten bei Bernburg wächst das Unternehmen zu einer kleinen Maschinenfabrik heran. Doch dann bricht der Zweite Weltkrieg aus. In der DDR wird die Familie enteignet. Nach der Wende erbt Vater Jürgen das Betriebsgelände. Als er die Firma neu aufbaut, macht Kristina Ehlert gerade Abitur.

Nach dem Schulabschluss verbringt die junge Frau ein Jahr in Bournemouth (Südengland) als Au-pair bei einer Familie. Ehlert betreut die Kinder, kocht Essen, hält den Haushalt in Schuss. Der Vater der Familie ist Architekt. Manchmal begleitet Kristina Ehlert den Mann zur Arbeit. Dort sieht sie zum ersten Mal, wie Häuser auf Papier entstehen, bevor sie gebaut werden. Der Sachsen-Anhalterin gefällt das so sehr, dass sie nach Deutschland zurückkehrt und in Trier ein Architektur-Studium beginnt.

Doch Großbritannien lässt Kristina Ehlert nicht ganz los. Nach ihrem Vordiplom zieht sie nach London, studiert an der renommierten Bartlett School of Architecture einen Master. Kristina Ehlert ist begabt, sie ist gut. So gut, dass sie nach dem Abschluss eine Stelle im Büro des britischen Star-Architekten Nicholas Grimshaw bekommt.

Mensch im Fokus

Die Bauweise des Briten ist keineswegs selbstverständlich. „Es geht um die Bedürfnisse der Menschen, die das Bauwerk nutzen“, sagt Kristina Ehlert, die in dieser Zeit unter anderem an einer Messehalle in Frankfurt am Main und einem Krebsforschungszentrum in London mitarbeitet. Ein Teil des Grimshawsen Leitbilds bringt Ehlert mit zurück nach Sachsen-Anhalt als sie im Jahr 2004 den Betrieb vom Vater übernimmt.

Sie investiert, schafft für ihre Mitarbeiter eine moderne Arbeitsumgebung und setzt auf digitale Technik. Neben dem Hauptsitz in Güsten baut Ehlert in Blankenburg eine Zweigstelle auf. Dort verbringt sie als Geschäftsführerin heute die meiste Zeit. Stahlbau Ehlert ist auch unter Tochter Kristina ein Familienunternehmen. Vater Jürgen hat immer ein offenes Ohr. Ehlerts Lebensgefährte Nicholas Callicott ist in die Chefetage aufgerückt. Vielleicht haben auch die zwei Kinder irgendwann mal Lust, in die Firma einzusteigen.

Firma ist gewachsen

Jeden Morgen spricht Chefin Kristina Ehlert mit den engsten Mitarbeitern und geht danach in die Produktionshalle, um sich den Status der aktuellen Projekte zeigen zu lassen. Manchmal denkt sie dann zurück an die Tage im Jahr 2004 als in der Halle in Blankenburg alles anfing. Damals hatte das Unternehmen 20 Mitarbeiter, heute sind mehr als 50 bei dem Stahlbauer tätig. Die Firma ist gesund, obwohl ab und an auch bis in den Harz die Schwankungen der Weltwirtschaft zu spüren sind. Dennoch stehen die Zeichen auf Wachstum. Längst liegen Pläne für einen Erweiterungsbau in der Schublade. „Wir wollen expandieren, um unsere Kapazität zu erhöhen“, sagt die Geschäftsführerin und klingt dabei wie eine erfahrene Managerin.

Im beruflichen Alltag tritt die Architektin Kristina Ehlert in den Hintergrund. Nur vereinzelt kommt noch zum Vorschein, was sie einst als junge Frau in London lernte: Für ein Kunstprojekt in einem schottischen Waldstück entwarf sie vor einigen Jahren einen Unterstand aus Metall, das in Blankenburg bearbeitet und dann rot lackiert wurde.

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