Hamburg (dpa) l Im Rückblick zeigt sich Thomas Middelhoff abgeklärt: „Reichtum ist überhaupt nicht wichtig. Das kann ich guten Gewissens sagen. Als ich ein ordentliches Vermögen hatte, war ich kein glücklicherer Mensch als heute“, sagte der frühere Top-Manager der Deutschen Presse-Agentur.

Middelhoff, der am heutigen Freitag seinen 65. Geburtstag feiert, sollte wissen, wovon er spricht. Er hat in seinem Leben Höhen und Tiefen erlebt, wie nur wenig andere Firmenlenker. Er war einer der einflussreichsten Manager Deutschlands, erst als Chef des Medienriesen Bertelsmann, später als Vorstandschef des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor. Er lebte ein Leben im Luxus mit Villa im südfranzösischen Nobelort St. Tropez und einer millionenteuren Luxusyacht.

Absturz von epischer Dimension

Und er erlebte nach der Pleite von Arcandor einen Absturz von epischer Dimension: Die Verurteilung zu einer dreijährigen Haftstrafe wegen Untreue zu Lasten des Handelskonzerns, den Verlust seines Vermögens durch eine Privatinsolvenz, die Scheidung nach 45 Ehejahren und eine schwere Krankheit.

Knapp ein halbes Jahr nach der Haftentlassung wirkt Middelhoff bei einem Treffen dennoch alles andere als unglücklich. Der Manager hat nach dem Gefängnisaufenthalt ein neues Leben begonnen. In einer neuen Stadt: Hamburg. Mit einer neuen Lebensgefährtin und einem neuen Lebensentwurf: Middelhoff der Schriftsteller, der Vortragsreisende und vielleicht bald auch wieder der Unternehmensberater.

Vorträge in Kirchengemeinden

Bereits in der Haft hatte der Manager seine Gefängniserfahrungen zu einem ersten Buch „A 115 – Der Sturz“ verarbeitet, das im Herbst 2015 erschien. Jetzt schreibt er an seinem zweiten Werk, einem Wirtschaftskrimi, bei dem er auch seine Erfahrungen aus den Chefetagen einfließen lassen will. Oft sitze er den ganzen Tag am Schreibtisch und arbeite an dem Roman, erzählt bei einem Treffen in einem kleinen italienischen Restaurant in der Nähe der Außenalster. Und fügt dann noch hinzu, er habe schon immer Bücher schreiben wollen.

Außerdem hält er in Kirchengemeinden und an Universitäten Vorträge über seine Erfahrungen. Selbst an seinem Geburtstag will er beim Katholikentag in Münster auf dem Podium sitzen und über das Thema „Meinen Frieden finden“ diskutieren. Gleichzeitig setzt sich Middelhoff vehement für eine Justizreform ein.

Hätte er nicht den totalen Zusammenbruch erlebt, dann wäre er heute wahrscheinlich „ein gelangweilter Multi-Aufsichtsrat“, spekuliert Middelhoff. Stattdessen schreibe er jetzt Bücher, halte Vorträge und rede viel mit jungen Menschen. „Ich finde das wahnsinnig spannend“, sagt er. „Das ist ein völlig anderer Lebenszuschnitt.“

Insolvenzverfahren bis zum Jahr 2021

Doch trotz aller Aufbruchsstimmung: Das alte Leben lässt den Manager noch nicht ganz los. Noch wird er in seinem Tatendrang gebremst vom laufenden Insolvenzverfahren, bei dem er den größten Teil seiner Einkünfte an die Gläubiger abgeben muss. Planmäßig würde es bis 2021 dauern.

Middelhoff hofft aber, in den nächsten Monaten mithilfe eines Insolvenzplans eine Einigung mit den Gläubigern erzielen zu können, die ihn schon bald von weiterern Zahlungsverpflichtungen befreit. Ein derartiger „Vergleich“ setzt allerdings voraus, dass die Gläubiger am Ende besser dastehen, als ohne eine solche Regelung. Irgendjemand aus Middelhoffs Umfeld müsste also wohl noch einmal tief in die Tasche greifen, um eine Einigung zu ermöglichen.

Die rund 50 Gläubiger haben nach Angaben von Insolvenzverwalter Thorsten Fuest insgesamt Forderungen von 415 Millionen Euro angemeldet. Anerkannt worden sind bislang allerdings nur Forderungen in Höhe von rund 45 Millionen Euro. Dem stehen vom Insolvenzverwalter sichergestellte Mittel in Höhe von 11,5 Millionen Euro gegenüber.

Middelhoff hat zweifellos viel verloren. Dennoch wirkt er nicht verbittert. „Wenn ich zurückgucke, sage ich nicht, was hat man mir weggenommen, sondern was habe ich alles gehabt und was habe ich gestalten dürfen“, sagt er.