Magdeburg l Seit fast zehn Jahren wächst die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt langsamer als in den östlichen und westlichen Nachbarbundesländern. Und auch im vergangenen Jahr konnte dieser Trend nicht gestoppt werden: Das Bruttoinlandsprodukt, der Wert aller produzierten Waren und Dienstleistungen, legte in Sachsen-Anhalt lediglich um ein Prozent zu.

Im Ländervergleich wies nur das strukturschwache Saarland mit Nullwachstum ein noch schlechteres Ergebnis auf, andere Länder wie Berlin und Sachsen hingegen konnten mit Zuwachsraten von 2,7 Prozent glänzen. „Es ist noch Luft nach oben“, erklärte Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) am Donnerstag.

Bevölkerung schrumpft

Die Experten in seinem Haus führen das schwache Abschneiden vorwiegend auf die rückläufige Bevölkerungsentwicklung zurück, denn im Vergleich zu anderen Bundesländern altert die Bevölkerung hierzulande besonders schnell. Und wo es weniger Menschen gibt, wird auch weniger produziert und konsumiert.

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Als Beispiel lässt sich hier das Handwerk nennen: In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Handwerksfirmen gesunken – nicht etwa, weil es zu wenig Aufträge gab, sondern weil weniger Nachwuchskräfte nachkommen, die Betriebe übernehmen könnten.

Viel Vorleistungen, wenig Endprodukte

Für Willingmann gibt es aber auch weitere Gründe: „Der Anteil der Vorleistungen, die von der Industrie produziert werden, ist bei uns besonders hoch.“ Der Minister verdeutlicht das am Beispiel Automobilindustrie: In Sachsen-Anhalt seien vor allem Zulieferer beheimatet. Autoteile würden aber in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung weniger ins Gewicht fallen als die fertig geschraubten Wagen, die in den sächsischen Werken vom Band rollen.

Ein weiterer Punkt besteht für den Wirtschaftsminister in staatlichen Investitionen. „In den vergangenen Jahren hat das Land Personal eingespart und weniger investiert, um den Haushalt zu konsolidieren“, so Willingmann. Weil das Land inzwischen aber wieder mehr Geld ausgibt, hofft er, dass die Konjunktur in den kommenden Jahren stärker in Schwung kommt. „Die Kommunen erhalten vom Land mehr als 100 Millionen Euro – das gibt ihnen die Möglichkeit, stärker zu investieren.“

Zudem richte Sachsen-Anhalt seine Wirtschaftsförderung derzeit neu aus. „Wir bemühen uns darum, dass in den kommenden Jahren hierzulande wieder mehr Unternehmen gegründet werden“, so Willingmann. Klar sei aber auch: „All das, was wir jetzt unternehmen, wird sich natürlich nicht gleich von heute auf morgen auswirken.“

Mehr Investitionen in Köpfe

Linken-Politiker Andreas Höppner fordert von der Landesregierung, dass sie künftig noch stärker in die Infrastruktur und in die Köpfe investiert. „Der Lehrermangel zeigt doch, dass wir viel zu wenig Geld in das Bildungssystem investieren“, so Höppner. „Firmen, die hochwertige Güter produzieren, sind aber darauf angewiesen, dass sie auch die nötigen Fachkräfte bekommen.“ Aus seiner Sicht wirkt sich außerdem das niedrige Lohnniveau negativ auf die Entwicklung aus. „Die Tarifbindung ist in Sachsen-Anhalt noch immer relativ gering, nur rund 25 Prozent der Firmen zahlen nach Tarif“, so Höppner. „Das hat zur Folge, dass sich qualifizierte Leute, die gut bezahlte Jobs anstreben, in andere Bundesländer umziehen.“

Ein kleines Trostpflaster gab es vom Statistischen Landesamt. Das konnte nun die Statistik der vergangenen Jahre mittels besserer Datengrundlage nach oben korrigieren. 2015 wuchs die Wirtschaft nicht um 0,1 sondern um 1,6 Prozent. 2014 gab es ein Plus von 0,4 und kein Minus von 0,4 Prozent.