Groß Germersleben l Auslöser des Streits ist ausgerechnet der Bau eines neuen Feuerwehrgerätehauses. Rund 2,1 Millionen Euro will die Stadt investieren, um den Feuerwehrleuten bessere Bedingungen zu bieten. Dabei sollen auch 510.000 Euro an Fördermitteln zum Einsatz kommen. Der Knackpunkt: Das neue Gerätehaus soll in Klein Oschersleben stehen - und den Nachbarn ebenfalls als Domizil dienen. Diese Aussicht gefällt Sven Borchert gar nicht.

Kein Streit mit den Kollegen

Der Groß Germersleber Wehrleiter legt Wert darauf, dass er keinen Streit mit den Kollegen von der Nachbarwehr hat. Man rücke gemeinsam zu Einsätzen aus und verstehe sich. Der Dialog mit der Stadtverwaltung sei ebenfalls gut - normalerweise zumindest. Aber jetzt bahnt sich Ärger an.

In den Jahren 2022 und 2023 soll das neue Feuerwehrgerätehaus an der Alten Hauptstraße in Klein Oschersleben gebaut werden. Die Vorbereitungen laufen schon. Der Fördermittelantrag wurde 2018 gestellt. Eine Entscheidung steht noch aus. Den langen Vorlauf der Bauarbeiten begründet der städtische Pressesprecher Mathias Schulte so: Die Verwaltung müsse derzeit viele Bauprojekte begleiten, unter anderem auch den Bau weiterer Gerätehäuser. Eine „kurzfristige Umsetzung aus dem Stand“ sei kaum möglich. Allerdings scheint es ohnehin noch Gesprächsbedarf zu geben.

Das funktioniert nicht

Unter anderem sind die städtischen Unterlagen missverständlich. Im Vorbericht des gerade beschlossenen Haushalts ist von einer „Zusammenlegung“ der Wehren die Rede. Auf Nachfrage erklärt Mathias Schulte, dass damit jedoch keine Fusion gemeint sei. Es gehe lediglich darum, dass zwei Wehren gemeinsam ein Gerätehaus nutzen sollen. Doch auch davon hält Sven Borchert nichts: „Das funktioniert nicht. Wir können nicht sagen: Die linke Seite gehört uns und die rechte euch“, so der Wehrleiter. Gleichzeitig bekräftigt er: „Wenn Sie sagen: Ihr müsst mit einziehen oder ihr macht zu, dann machen wir zu.“

Den Ausgangspunkt der Überlegungen kann Sven Borchert nachvollziehen. Die vorhandenen Gerätehäusern in den beiden Ortsteilen befänden sich in keinem guten Zustand. „Das Gebäude in Groß Germersleben wurde mehrfach um- und angebaut“, erklärt der Wehrleiter. In Klein Oschersleben seien die Zustände ebenfalls nicht rosig. Wie Sven Borchert informiert, hat es in der Vergangenheit Überlegungen gegeben, beide Gerätehäuser zu ertüchtigen. Aber das habe sich als wirtschaftlich nicht sinnvoll erwiesen.

Ortsbürgermeister gegen eine Zwangs-WG

In der Investitionsübersicht des Haushalts heißt es: „Es sind keine getrennten Sanitärbereiche vorhanden, sowie keine ausreichenden und getrennten Umkleideflächen.“ Mathias Schulte formuliert das so: „Die vorhandenen Gebäude eignen sich nicht, um alle Forderungen der Feuerwehrunfallkasse und die notwendigen Vorgaben für die Feuerwehrtechnik einzuhalten.“

Dessen ungeachtet ist Sven Borchert stolz auf seine Wehr. Es gebe 19 aktive Kameraden und eine eigene Jugendwehr. „Wir sind gut aufgestellt“, so Borchert. Und: „Es gibt keine Veranstaltung in Groß Germersleben, bei der die Feuerwehr nicht in irgendeiner Weise aktiv ist“, erklärt der Wehrleiter. „Sie ist das Letzte, was wir haben.“

„Uns ist bewusst, dass die Feuerwehren in den kleinen Orten wesentlicher Bestandteil des Vereinslebens sind“, hält Mathias Schulte fest. „Zugleich darf aber nicht vergessen werden, dass die Wehren eine kommunale Pflichtaufgabe erfüllen. Wenn zwei Orte sich als Standort für ein Gerätehaus bewerben, dann wird immer einer das Nachsehen haben.“ In diesem Zusammenhang betont der städtische Pressesprecher, dass Klein Oschersleben und Groß Germersleben nur rund 800 Meter auseinander liegen. Zwei Gerätehaus-Neubauten in dieser Nähe zueinander seien wirtschaftlich nicht vertretbar. Die Stadt wolle ihre Wehren gut ausstatten. Aber es gehe auch um den verantwortungsvollen Umgang mit Steuergeldern.

Für die Arbeit der Wehren reiche ein Gerätehaus aus. Weiterhin erklärt Schulte: „Wenn es einen Weg gibt, um beiden Zielen gerecht zu werden: Wir sind für jede Anregung und jede Idee dankbar. Eines ist nämlich klar: Jeder für unsere Feuerwehren verlorene Kamerad ist einer zu viel.“

Ein weiterer Punkt ist für Sven Borchert noch wichtig: Er betont, dass er drei Standorte in Groß Germersleben vorgeschlagen habe. An ihnen sei ein Neubau möglich. Unter anderem gebe es am Friedensplatz ein städtisches Grundstück. Das liege in unmittelbarer Nähe zum derzeitigen Gerätehaus. Dieser Ort habe den Vorteil, dass es im Umfeld genug Parkplätze gebe. Dort könnten die Kameraden ihre Privatfahrzeuge abstellen, wenn sie ausrücken. Ein Neubau von Parkflächen sei also nicht erforderlich. Das spare Kosten.

„Man hat mir nie gesagt, warum Groß Germersleben als Standort nicht infrage kommt“, betont Sven Borchert. Gleichzeitig hält er fest: „Gegen den Neubau in Klein Oschersleben haben wir nichts.“ Deshalb habe er auch dafür gestimmt, als sich der Stadtrat im Oktober mit einem entsprechenden Bebauungsplan beschäftigte.

Aber auch wenn sich das Areal direkt am Klein Oschersleber Ortsausgang Richtung Groß Germersleben befindet: „Die Feuerwehr Groß Germersleben löst sich auf, wenn wir gezwungen werden, dort mit hin zu gehen“, sagt Sven Borchert. Der Ortsbürgermeister und der Ortschaftsrat würden das unterstützen. „Wir wären sehr traurig, wenn die Wehr aus unserem Ort herausgenommen würde. Sie gehört dazu und engagiert sich in großem Maße. Wir brauchen sie ganz einfach“, bekräftigt Ortsbürgermeister Donald Dölle.

Mathias Schulte informiert, dass es die Diskussion um ein gemeinsames Gerätehaus schon seit 2013 gibt: „Ganz am Anfang wurde ein Bauplatz am Friedensplatz in der Tat favorisiert. Aufgrund der Möglichkeit, am Ortsrand von Klein Oschersleben ein gemeindeeigenes Grundstück zu nutzen, hat sich diese Bewertung überholt. Am Friedensplatz müsste ein Spielplatz verlegt und zudem die Genehmigung zur Beseitigung der dort stehenden Bäume eingeholt werden. Da außerdem dreiständig und aufgrund der technischen Entwicklung von Feuerwehrfahrzeugen in der größtmöglichen Stellplatzvariante gebaut werden soll, ist der Platz doch recht knapp bemessen.“

Vorbei scheint die Diskussion damit nicht zu sein. Allerdings liegt Sven Borchert auch folgende Feststellung am Herzen: „Die Bürger müssen sich keine Sorgen machen, dass der Brandschutz in irgendeiner Weise gefährdet ist. Beide Wehren rücken weiter in Gemeinschaft aus. Wir trennen das Einsatzgeschehen ganz deutlich von allem anderen.“