Stuttgart (dpa) - Das Ziel ist eigentlich klar. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis es im deutschen Fußball die ersten Profi-Schiedsrichter gibt.

Schon jetzt können die Top-Referees kaum noch einem "normalen" Beruf nachgehen, weil sie fast permanent mit ihrem nächsten Spiel beschäftigt sind: fünf Tage die Woche Fitnesstraining, Videoanalysen der nächsten Teams, Regeneration, und so weiter. Ein Großteil ihres Alltags hängt von der nächsten Partie in der Bundesliga oder dem Europapokal ab. Nur, dass jetzt kein Mensch weiß, wann dieses nächste Spiel stattfindet. Aber nicht nur diese Ungewissheit trifft die Unparteiischen zum Teil hart.

"Ein Bundesliga-Schiedsrichter kann in der Regel maximal noch ein bis zwei Tage die Woche arbeiten. Und die Leute aus dem Spitzenbereich, die auch international pfeifen, die können teils gar keinem anderen Beruf mehr nachgehen", erzählt der frühere Top-Referee Knut Kircher (51). "Die wenigsten von ihnen haben eine flexible Vereinbarung mit ihrem Arbeitgeber, dass sie jetzt mehr arbeiten können, wo sie mehr Zeit haben. Da hängen dann teils Familien und Finanzierungen dahinter." Durch die Aussetzung des Spielbetriebs fehlen vielen Schiedsrichtern schon jetzt Einnahmen im fünfstelligen Bereich.

Für ein Spiel in der Bundesliga bekommt ein Referee eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 5000 Euro. Pfeift er darüber hinaus Spiele im Europapokal, fehlen ihm auch diese Einnahmen, weil nicht gespielt wird. Wäre er dann auch noch für die ins nächste Jahr verschobene EM im Sommer nominiert worden, bricht auch dieses Geld erst mal weg. "Im Profibereich ist es schon so, dass ein großer Teil der Einkünfte wegfällt", sagt der für Schiedsrichter zuständige DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann. Eine Kompensation der fehlenden Einnahmen seitens des DFB gibt es bislang nicht.

Allerdings erhalten die Unparteiischen pro Saison auch ein Fixum im fünfstelligen Bereich, das ihnen schon ausgezahlt wurde. Bei einem deutschen FIFA-Referee etwa, der also auch international pfeift, beträgt dieses Fixum rund 80.000 Euro. "Das dient ihnen jetzt gewissermaßen als Sicherheit", erzählt Kircher. "Eigentlich ist es dafür gedacht, wenn sie sich beispielsweise mal verletzen und ein oder zwei Monate nicht pfeifen können."

Außerdem war dieses Fixum ein weiterer Schritt auf dem Weg hin zur Professionalisierung, eine Art Grundgehalt also. Top-Leute wie etwa Marco Fritz, Felix Zwayer oder Felix Brych können nun einigermaßen davon zehren.

Noch empfindlicher dürfte die Corona-Krise dagegen die Linienrichter treffen. Ein Assistent erhält in der Bundesliga eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 2500 Euro pro Spiel, also die Hälfte des Schiedsrichters - obwohl er durch den Referee-Job fast genauso stark eingebunden ist. Auch ein Linienrichter muss sich fit halten. Auch er bereitet sich auf die nächsten Teams vor.

Zwayers Assistent Thorsten Schiffner berichtete der "Heilbronner Stimme" zuletzt von "spürbaren" finanziellen Einbußen für sich. "Die Krise zeigt, dass es wichtig ist, noch eine Tätigkeit, ein Einkommen außerhalb des Fußballs zu haben", sagte er.

Das Problem ist nur, dass dafür im Normalfall kaum Zeit bleibt. Und jetzt dürfte eine laut Kircher ohnehin meist schwierige Aufstockung der Arbeitsstunden im Beruf teils auch daran scheitern, dass viele Arbeitgeber selbst mit den Auswirkungen der Krise zu kämpfen haben. Es gab übrigens Top-Schiedsrichter, die sich gern selbst zu den Auswirkungen der Corona-Krise geäußert hätten. Allerdings lehnte das der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ohne Angabe von Gründen ab.

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