Berlin (dpa) - Die Corona-Pandemie kann bei vielen Menschen psychische Störungen auslösen oder deutlich verschlimmern. Darauf machte die Bundespsychotherapeutenkammer nun in Berlin aufmerksam.

Kammerpräsident Dietrich Munz sagte laut einer Mitteilung: "Neben Depressionen und Angststörungen, akuten und posttraumatischen Belastungsstörungen können auch Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit, Zwangsstörungen und Psychosen zunehmen."

Langfristige Isolation kann schwere Folgen haben

Ältere zählen laut den Psychotherapeuten zu den am stärksten betroffenen Gruppen. "Die ständigen Gedanken an eine tödliche Infektionskrankheit können verängstigen und der Verlust an familiärer Aufmerksamkeit und Aufgaben zu Depressivität und dem Gefühl von Sinnlosigkeit führen", so die Kammer in einer Übersicht über die bisherigen Studien zum Thema. Bei Vorerkrankungen oder begrenzter erwarteter Lebenszeit wirke sich langfristige Isolation ohne Austausch oft besonders heftig aus.

"Bei vielen, die 75 Jahre und älter sind, wird aus der Angst sich anzustecken nicht selten Todesangst und aus Rückzug totale Isolation", so die Kammer unter Berufung auf praktische Erfahrungen von Psychotherapeuten. "Am Ende quälen sie sich mit der Erwartung, wegen Corona allein zu sterben."

Kein Zweifel bestehe, dass ältere Menschen in Pflegeheimen extremen psychischen Belastungen ausgesetzt seien. Besonders Demenzkranke seien zudem kaum in der Lage, die starken Veränderungen in ihrem Alltag einzuschätzen und zu verstehen.

Kinder leiden unter Schul- und Kita-Schließungen

Auch Kinder und Jugendliche sind psychisch besonders gefährdet - durch die Schließung von Kitas und Schulen und den Verlust von Kontakten, so die Kammer unter Berufung auf erste internationale Studien hierzu. "Insbesondere bei Einzelkindern kann dies zur sozialen Isolation führen." Kleine Kinder könnten das gemeinsame Spiel eben kaum durch Telefonate oder Internetkontakte ersetzen.

Zuhause seien die Belastungen durch Schul- und Kita-Schließungen und gleichzeitigem Homeoffice der Eltern sowie unklaren Perspektiven bei Millionen Familien auch in Deutschland gewachsen. Der tägliche Zeitaufwand für Familien- und Hausarbeit stieg im April 2020 im Vergleich zu 2018 bei Müttern von 6,6 auf 7,9 Stunden und bei Vätern von 3,3 auf 5,6 Stunden, so eine zitierte Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.

29 Prozent der Kinder und Jugendlichen gaben laut einer Befragung der DAK-Gesundheit zudem an, sich während der Schulschließungen schlechter oder sogar deutlich schlechter gefühlt zu haben als davor. Viele fühlten sich gestresst oder traurig.

Schuldgefühle bei Corona-Kranken

Belastet sind laut der Kammer oft auch Corona-Erkrankte und ihre Angehörigen. Corona-Kranke würden laut einer Studie drastisch erhöhte Angst- und Depressionswerte aufweisen. Erkranken wiederum Angehörige schwer oder sterben gar, "kann es zu langanhaltenden Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen kommen".

Für eine zweite Corona-Welle forderte die Kammer, Kindern und Jugendlichen mehr Kontaktmöglichkeiten zu eröffnen. Eine Isolierung von Altenheimbewohnern müsse vermieden werden. Kranke und Gefährdete müssten im Internet und am Telefon mehr Beratung bekommen.

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