Frankfurt/Main (dpa/sj) l In der anstehenden Tarifrunde für die deutsche Metall- und Elektroindustrie droht ein tiefgreifender Konflikt. Die Branche mit 3,9 Millionen Beschäftigten und den Schwergewichten Auto und Maschinenbau steckt einerseits in einem heftigen Strukturwandel, getrieben von Digitalisierung und der Umstellung auf elektrische Antriebe. Auf der anderen Seite kämpfen die Unternehmen in unterschiedlicher Intensität mit den Folgen der Corona-Krise. Im ersten Vorlauf der schwierigen Verhandlungsrunde haben Arbeitgeber und IG Metall extrem unterschiedliche Rezepte zur Zukunftsbewältigung vorgestellt.

Die Metall-Tarifrunde ist für die deutsche und europäische Gesamtwirtschaft bedeutungsvoll und läuft meist in einem starren Rahmen ab. Allein zur Entwicklung ihrer Forderung nimmt sich die IG Metall sechs Wochen Zeit für ein kompliziertes Ping-Pong aus Forderungen und Empfehlungen zwischen ihren Bezirken und dem Vorstand in Frankfurt. Die Forderung soll erst am 26. November endgültig feststehen, nachdem die regionalen Tarifkommissionen bereits am vergangenen Donnerstag erstmals darüber beraten haben.

Denn obwohl Deutschlands mächtigste Gewerkschaft eigentlich zentralistisch tickt, werden die M+E-Verhandlungen offiziell in den Regionen geführt. Erst ganz zum Schluss wird gemeinsam mit den Arbeitgebern ein Pilotbezirk ausgeguckt, in dem unter tätiger Mithilfe des IG-Metall-Vorstands und des Arbeitgeberdachverbands Gesamtmetall ein Abschluss gezimmert wird, der dann für alle gilt. In der jüngeren Vergangenheit konnten dies Rolle nur die mitgliederstarken Bezirke Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen ausfüllen.

Obwohl noch keine konkrete Prozentzahl genannt wurde, zeichnet sich die Struktur der IG-Metall-Forderung klar ab. Die Gewerkschaft will ein flexibles Volumen erstreiten, das bei florierenden Firmen zu einem deutlichen Lohnplus für die Mitarbeiter führen würde. Wo es hingegen nicht so gut läuft, soll die Belegschaft ganz oder teilweise in eine Vier-Tage-Woche geschickt werden. Diese Option sieht die IG Metall Niedersachsen/Sachsen-Anhalt auch für die Metallbranche in Sachsen-Anhalt, wie IG-Metall-Bezirkschef Thorsten Gröger erklärte. Für Sachsen-Anhalt steht eine Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden pro Woche auf der Agenda.

„Weiterhin gibt der Bezirksleiter zu bedenken, „dass die Arbeitgeber jetzt im Alleingang Sparpläne aus dem Giftschrank holen. Arbeitsplätze zu streichen, schadet nicht nur den Unternehmen, sondern der gesamten Wirtschaft,“ meint Gröger, der die Prognosen für 2021 wieder auf Wachstum stehen sieht.

Schon länger will die IG Metall beim Umbau der Betriebe, bei der „Transformation“, ein stärkeres Wort mitreden. Die Gewerkschaft ist empört, dass Konzerne wie Continental und Schaeffler massive Stellenstreichungen beschlossen haben, obwohl genau dies mit der tariflichen Nullrunde im Corona-Frühjahr 2020 verhindert werden sollte.

32 oder sogar nur 28 Stunden Wochenarbeitszeit könnten manchem schlecht ausgelasteten Betrieb helfen, seine Belegschaft für bessere Zeiten zu halten. Der große Haken ist allerdings der Teillohnausgleich, den die Gewerkschaft für den Ausfall verlangt.

Auch untere Lohngruppen müssten sich eine kürzere Arbeitszeit überhaupt leisten können, sagt IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. Die Vier-Tage-Woche sei nicht als flächendeckende, kollektive Arbeitszeitverkürzung gedacht, erläutert er im Interview mit dem „Handelsblatt“. Vielmehr sei sie eine Option für Betriebe mit Transformationsproblemen.

Ungewöhnlich früh haben sich führende Vertreter des Arbeitgeberlagers positioniert. „Lohnerhöhungen sind weder dieses noch nächstes Jahr realistisch“, sagt Gesamtmetall-Chef Rainer Dulger und forderte auch Beiträge der Beschäftigten zur Krisenbewältigung. Sein designierter Nachfolger Stefan Wolf, der voraussichtlich im November an die Spitze des Dachverbands rückt, will höhere Arbeitskosten nicht akzeptieren, verweist auf schmale Renditen der Unternehmen und weggebrochene Umsätze in Folge der Corona-Krise.

Er wolle nicht nur weitere Kostensteigerungen verhindern, sagt Wolf, bislang bei Südwest-Metall und Chef des Autozulieferers ElringKlinger. „Wir streben konkret eine Lösung an, die es insbesondere wirtschaftlich oder von der Transformation schwer getroffenen Firmen ermöglicht, in einem quasi automatisierten Prozess nach unten vom Flächentarif abzuweichen.“

Die Herausforderung der IG Metall steht damit. Erste regionale Verhandlungen sind noch für den Dezember vorgesehen, und ab dem 29. Januar 2021 sind mit dem Ende der Friedenspflicht Warnstreiks möglich.