Magdeburg l Mitten im Industriehafen ist eine riesige Kunstgalerie entstanden, die in Europa einmalig ist: die Aerosol-Arena. Mit viel persönlichem Einsatz, Herzblut und großem Sachverstand haben es Daniela Kreissl und Jens Märker geschafft, die erste Garde internationaler Graffitikünstler nach Magdeburg zu holen.

Egal ob Freunde der Kunst oder Besucher, die Vorbehalte gegen Graffiti haben, wer das ehemalige Fabrik-Gelände am Klosterkamp 4 betritt, wird in blankes Erstaunen versetzt. Überall an den Außenwänden der Hallen sind riesige Bilder, aufgesprüht mit Farbe aus Dosen, zu sehen. Bunte, manchmal sehr eindringliche Bilder, andere wieder müssen erst beim Betrachten „entdeckt“ werden. Porträts, die eine Fläche von rund 100 Quadratmetern bedecken, kubistische Bilder, dann wieder Bilder, die die dunkle Seite der menschlichen Seele zum Thema haben. Graffiti-Kunst in höchster Perfektion. Hinter jeder Ecke eines Gebäudes öffnet sich ein neuer Raum dieses - hier ist der Superlativ gerechtfertigt - riesigen Freiluft-Ateliers.

Es gibt europaweit nichts Vergleichbares

„Wir haben mal intensiv recherchiert und festgestellt, dass es in ganz Europa nichts Vergleichbares gibt“, sagt Daniela Kreissl. Sie, die Journalistin aus der Schweiz, die in Magdeburg ihre neue Heimat gefunden hat, und Jens Märker, der Street-Art- und Graffiti-Künstler aus Dortmund, haben dieses ungewöhnliche Projekt seit 2011 aufgebaut. „Überall in deutschen Städten gibt es große verlassene Industriegebäude, wo so etwas möglich ist. Wir haben es einfach angefangen. Das traut sich kaum jemand“, sagt Jens Märker.

Idee, Konzept und dann der Verein

Wer das Gelände der ehemaligen Nudel- und Teigwarenfabrik (VEB Konsummühle) kennt, weiß, dass dazu jede Menge Mut und Enthusiasmus gehören. Die Gebäude sind zwar standfest, aber heruntergekommen, das Gelände war verkommen. „Wir mussten erst einmal mit vielen Helfern den ganzen Schrott und Müll wegräumen“, erinnert sich Jens Märker. Aber: „Als ich das Gelände zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich gleich, dass es das richtige ist.“

Pioniere der Street-Art-Szene

Mit Daniela Kreissl hat sich Märker dann hingesetzt und ein Konzept erarbeitet. Und beide haben sich damit auch einen Wunsch erfüllt. „Ich hatte in den 1990er Jahren engen Kontakt zur Graffiti-Künstler-Szene in der Schweiz und wollte hier in Magdeburg versuchen, daran anzuknüpfen“, sagt Daniela Kreissl. Jens Märker kennt diese Szene von innen. In seiner Jugend gehörte er zu den Pionieren der Graffiti- und Street-Art-Szene in Dortmund. „Ich habe alles gemacht, was möglich war, bin neue Wege gegangen, auch bis an die Grenzen.“ Er bekam viel Anerkennung, hatte aber durchaus auch manchmal Stress mit der Polizei. Wer Graffiti-Kunst betreibt, müsse damit rechnen.

Ein Forum für Graffiti-Kunst

Allerdings geht Jens Märker zusammen mit Daniela Kreissl ganz andere Wege. Nachdem das Konzept stand und beide von der Idee geradezu „infiziert“ waren, wurde der Verein „Freiluft-Atelier“ als Trägerverein gegründet. „Wir wollen der Graffiti-Kunst ein großes Forum bieten, wo die Künstler arbeiten und sich im Grunde austoben können“, sagt Daniela Kreissl. „Wir bieten ihnen alles, was sie brauchen, damit sie in Ruhe professionell arbeiten können“, ergänzt Jens Märker.

Die Künstler bekommen, was sie brauchen

Unterkunft, Hebebühne, Verpflegung, alles ist da, wenn der Graffiti-Künstler kommt. Das wissen mittlerweile rund 200 internationale Größen dieser Kunst zu schätzen. Magdeburg hat einen Namen in der europäischen Szene. „Die Künstler kommen auf uns zu, und für große Veranstaltungen, wie das Meeting of Styles, müssen wir durchaus eine Vorauswahl treffen“, sagt Jens Märker.

Gelände ist für alles Künstler

Für ihn ist neben der Förderung der Graffiti-Kunst aber noch ein zweiter Aspekt der Aerosol-Arena sehr wichtig: „Dies ist ein Gelände, das für alle möglichen künstlerischen Aktivitäten offen ist. Es soll ein Treffpunkt sein zwischen Otto-Normalmagdeburger und Künstlern aller Art.“ Und dabei ist der Begriff „Kunst“ für Jens Märker und Daniela Kreissl sehr weit gefasst. „Auch die Jungs, die ihre Autos mit Leidenschaft aufmotzen, können sich in der Aerosol-Arena treffen.“

Die Menschen sollen mit den Künstlern ins Gespräch kommen und umgekehrt. Und natürlich ist die sehr ungewöhnliche Kulisse beliebt für Veranstaltungen aller Art. „Hier finden im Sommer fast schon regelmäßig Partys von Unternehmen und Studenten statt, Filme wurden in der Arena gedreht, Fotografen haben hier ihre Models abgelichtet, das ganze Programm“, sagt Jens Märker.

Ein Stück Kultur aus Magdeburg

Und die Aerosol-Arena hat bereits das verstärkte Interesse im Rathaus geweckt. „Wir haben einen wirklich sehr guten Kontakt zu vielen Ämtern und Dezernaten. Es wird uns richtig gut geholfen“, so Jens Märker schon fast schwärmerisch. Vor allem der Wirtschaftsbeigeordnete Rainer Nitsche und sein Kultur-Kollege Matthias Puhle pflegen einen durchaus engen Kontakt zu den Graffiti-Künstlern im Handelshafen. Die Stadt fördert auch das Projekt, etwa das große „Meeting of Styles“ im Sommer.

Der Grund dafür ist klar: Die Aerosol-Arena strahlt landes- und europaweit aus und repräsentiert ein Stück Kultur aus Magdeburg. Folglich ist das Projekt natürlich auch sehr interessant für Magdeburgs Kulturhauptstadt-Bewerbung.

Kräftezehrendes Ehrenamt

Und an dieser Stelle nehmen Daniela Kreissl und Jens Märker ein wenig die Geschwindigkeit aus dem Projekt. „Wir sind jetzt tatsächlich an einem Punkt angekommen, wo wir genau überlegen müssen, wie es weitergehen soll“, sagt Daniela Kreissl. Die Aerosol-Arena habe eine Größe, vor allem inhaltlich, erreicht, die die Kräfte einer ehrenamtlichen Tätigkeit deutlich übersteigt. Das jüngste „Meeting of Styles“ habe dieses Mal sehr viel Einsatz und Energie gekostet. „Aber vielleicht sind wir darum im Augenblick nur etwas ausgebrannt, brauchen etwas Ruhe und dann geht es wieder los ...“

Denn fest steht: Daniela Kreissl und Jens Märker „brennen“ für ihr „Baby“ Aerosol-Arena.

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