Berlin (dpa) – Ohne einen Joaquin Phoenix ist dieser besondere Film nicht denkbar. In "Joker" (Regie Todd Phillips) verbiegt sich Phoenix wie eine ledrige Eidechse, krümmt sich wie ein gepeinigter, bis auf die Rippen abgemagerter Esel, wie Sisyphos schleppt sich der Ausnahme-Akteur immer wieder die gleiche, ewig lange Treppe hinauf.

Der 1974 geborene US-Darsteller hat in dieser Comic-Adaption ein Lachen, das man nicht vergessen wird. Dass dieser, einst dem Comic-Universum des DC-Verlags entsprungene Joker, dass dieser neue Joker etwas Besonderes ist, deutete sich schon an, als es unlängst für die 122 Minuten den Hauptpreis beim Filmfest in Venedig gab. Vor Phoenix haben andere den Joker gespielt, diesen bösen, ambivalenten Hauptwidersacher Batmans: Jack Nicholson, Jared Leto und, nicht zuletzt: der 2008 verstorbene Heath Ledger.

Nun zeigt Phoenix, wie aus einem vom Leben getretenen Möchtegern-Komiker im fiktiven (indes als Chiffre für New York bekannten) Gotham City ein kaltherziger Killerclown wird. "Hangover"-Regisseur Phillips wagt sich erstmals an eine Comic-Umsetzung; weitere Darsteller sind Robert De Niro, Frances Conroy sowie die 1991 in Berlin geborene Zazie Beetz.

Im Radio das verzweifelte Lamento einer Frau: Was passiert nur mit dieser Welt? Gemeint ist die Welt, Gotham City, in der sich auch Arthur Fleck (Phoenix) behaupten muss. Er tut dies an der Seite seiner Mutter, sie teilen sich ein schmales Appartement. Im TV ist die Rede von "Superratten", auf den Straßen: Chaos und Gewalt.

Während Arthurs Mutter Hoffnung setzt in den Bürgermeisterkandidaten Thomas Wayne (den Vater des späteren Batman!), glaubt Arthur weiter an eine Karriere als Komiker. Die ihn stets verfolgende Lachstörung aber steht ihm im Weg. In unmöglichsten Situationen überfällt ihn ein dämonisches Kichern.

Allabendlich treffen sich Sohn und Mutter im Bett: Murray Franklins (De Niro) Late-Show ist ein Pflichttermin. Was würde Arthur für einen Auftritt dort geben! Stattdessen findet er sich bald auf der Bühne einer Kaschemme wieder: Der erste Gig geht in die Hose, ein Video davon wird dem Fernsehen zugespielt. Von seiner Sozialarbeiterin fühlt sich Fleck nicht ernst genommen: ""Sie stellen mir immer die selben Fragen!". Enttäuschung reiht sich an Enttäuschung, Arthur verliert den Job als Partyclown, ein Kollege gibt ihm eine Waffe, es kommt zu einer ersten Bluttat. Aus Fleck, diesem vom Leben gemarterten Psychowrack, wird der Joker. Drei junge schnöselige Banker müssen ihr Leben lassen. Zuvor hatten sie Arthur alias Joker in der U-Bahn provoziert.

In den USA hat der eindringliche Trailer zu "Joker"" noch vor Kinostart zu einer Diskussion rund um die Gewaltverbrechen in diesem Film geführt: Hinterbliebene von Opfern des sogenannten Batman-Mörders haben die Filmgesellschaft Warner Bros. zu einem Bekenntnis für strengere Waffenkontrolle aufgefordert. Der Trailer des Psychothrillers erinnere an das Blutbad 2012 in dem Kino in der US-Stadt Aurora während eines Batman-Films, so die Initiatorin eines Briefs an Warner. Das Filmstudio erklärte in einer Reaktion: "Seien Sie sich sicher: Weder der fiktionale Charakter von "Joker" noch der Film sind eine Billigung realer Gewalt jeglicher Art. Es ist nicht die Absicht des Films, der Filmemacher oder des Studios, diesen Charakter als Held hochzuhalten".

Die Diskussion erstaunt insofern, als dies nicht der erste US-Streifen ist, der eine Gewalt ausübende Figur in den Mittelpunkt rückt: von einem "Taxi Driver" (an den viele "Joker"-Szenen erinnern) bis zu "American Psycho". Auch der epochemachende Auftritt eines Heath Ledger als Joker in "The Dark Knight" kam nicht ohne Gewaltszenen aus.

In keiner Sekunde aber hat man in diesem, ab 16 Jahren freigegebenen Film das Gefühl, Gewalt würde nur um ihrer selbst willen oder als pures Entertainment präsentiert. Vielmehr werden all die Demütigungen aufgeführt, die Arthurs Gebaren verstärken: von den Kids, die ihn auf der Straße malträtieren; über die Häme, die Showmaster Franklin im Live-TV über Arthur ausschüttet, ohne dass er sich wehren kann; bis zur grausamen Erkenntnis, dass ihn seine Mutter jahrzehntelang belogen hat. Dass ihm schließlich auch der Sozialdienst genommen wird - keine Medikamente mehr, keine therapeutischen Gespräche -, kann als Kritik von Regisseur und Drehbuchautor Todd Phillips an einem Gemeinwesen verstanden werden, das seine Schwächsten im Stich lässt.

Unabhängig davon, in welche Richtung sich die "Joker"-Rezeption entwickelt, ist dies ein sehr interessanter Film, von dem (mindestens) drei Dinge bleiben: Da ist Phoenix’ unglaubliches Lachen, das gleichsam leitmotivisch den Film grundiert und lang nachklingt. Ein Lachen, wie man es noch nicht gehört hat im Kino: so verzweifelt wie verachtend, so kindlich wie monströs, so anrührend wie Angst einjagend. Die Furcht machende Ambivalenz, die diesem Lachen eignet, zeichnet auch den Rest von Phoenix’ beeindruckendem, Oscar-würdigen Spiel aus.

Was zudem bleiben wird, ist die eindringlich-kongeniale musikalische Flankierung der isländischen Cellistin und Komponistin Hildur Guðnadóttir. In einer, Zeit, in der Filme oft von Musik begleitet werden, die höchstens nach Konserve klingt, ist die hier zu vernehmende Klangkunst hoch zu preisen.

Und nicht zuletzt zeigt dieser Joker, wie Filme, die sich auf eine Comicfigur beziehen, auch aussehen können: Es gibt hier keine endlose Finalschlacht bunt kostümierter Superhelden, keine aufdringlichen Soundeffekte, keine sinnentleerte Action. Stattdessen: das mit viel Liebe zu Details gestrickte Psychogramm eines Psychopathen, das nachdenklich macht. Dem formelhaften Genre der Comic-Adaption ist solche Kinokunst nur zu wünschen.

Joker