Stendal l Diese Mischung in Alexander Netschajews Inszenierung ist großartig: Lessings Originaltext, manchmal vorsichtig durchsetzt mit heutigem Sprachgebrauch und politischem Geschehen, das Ganze in einer modernen Ausstattung. Allein das Bühnenbild von Sofia Mazzoni ist sensationell. Mit wenigen Handgriffen verwandelt sich ein schlichter Raum in eine zerstörte Kriegsstätte, dann wieder in einen eleganten Wohnraum. Ein – gleich zu Beginn zerteilter – Tisch wird zu Bänken und Paravents.

Bevor das eigentliche Stück beginnt, konfrontieren alle zehn Schauspieler (mit von der Partie auch Musiker Larry Porter, der die Handlung mit wunderbaren Kompositionen am Flügel untermalt) die Zuschauer mit Aussagen, wie sie zurzeit verstärkt zu hören oder lesen sind: „Platz um uns herum ist genug. Die Frage ist, wie viel Platz ist in unseren Köpfen für Menschen in Not?“ oder „Die sollen sich integrieren!“ und „Nicht jeder Mensch hat das Recht auf ein besseres Leben!“

Der Kaufmann ist kein Gutmensch

Dann geht es los mit dem Stück über den genauso reichen wie weisen Nathan, der andere Religionen respektiert, den Menschen an sich betrachtet und Schubladendenken vermeidet. Frank Siebers spielt diesen jüdischen Kaufmann zurückhaltend. Kein ausgesprochener „Gutmensch“, vielmehr ein – trotz beruflicher Erfolge – bescheiden gebliebener Geschäftsmann steht auf der Bühne. Ein liebender Vater und guter Freund. Siebers ist äußerst glaubwürdig.

Jochen Gehle als Sultan Saladin mimt den sympathischen, jungenhaften Herrscher, der sichtlich auf seine kluge Schwester Sittah (Angelika Hofstetter) angewiesen ist. Der junge Tempelherr wird von Michael Magel gespielt: stolz, aufbrausend, verliebt und verzweifelt.

Annett Siegmund hat als Daja die Rolle, die Komik in das dramatische Geschehen bringt. Siegmund gelingt das auf eine subtile, sehr angenehme Art.

Viel Stoff zur Diskussion

Intendant Alexander Netschajew fesselt das Publikum über zweieinhalb Stunden lang. Sehenswerte Darsteller (in weiteren Rollen: Simone Fulir, Stephan Lewetz, Hannes Liebmann, Carsten Faseler und Thomas Weber), die musikalische Untermalung von Larry Porter, kurze Videoeinspielungen, schnelle Szenenwechsel ... Abwechslungsreiches, wunderbares Theater! Und natürlich bietet diese Inszenierung viel Stoff zur Diskussion und zum Nachdenken. Man kommt um eine Auseinandersetzung mit dem Gehörten nicht herum. Theater ganz in Lessings Sinne.

Nächste Aufführungen in Stendal: Sonnabend, 3. Oktober, 18 Uhr und Sonnabend, 21. November 19.30 Uhr, jeweils im Großen Haus, Theater der Altmark.

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