Lutz Seiler angetan von Uraufführung

Lutz Seiler, Autor des im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Romans „Kruso“, saß zur Uraufführung in der ersten Reihe im Magdeburger Schauspielhaus. „Eine starke Ensembleleistung“, lobte der Schriftsteller in der Pause gegenüber der Volksstimme. „Die Umsetzung gefällt mir ausgezeichnet.“ Dem Team sei es gelungen, den Humor seines Buches herauszukitzeln. „Ich habe viel gelacht.“ Lutz Seiler zeigte sich beeindruckt vom rasanten Tempo und großen Bildern, und sprach von einer starken Atmosphäre. Die Aufführung habe für ihn eine Tendenz zum Musicalhaften. Beim Applaus für das Ensemble stand der Schriftsteller mit auf der Bühne. Seine Freude über die Uraufführung war ihm anzusehen. (gw)

Magdeburg l Das Lob, das den „Kruso“-Roman in der Öffentlichkeit auszeichnet, findet man in individuellen Gesprächen nicht immer widergespiegelt. Viele Leser klagen eher über die Mühen, die die Rezeption bereitet und die manchen mitunter auch bei der Lektüre kapitulieren lässt.

Die Bühne erleichtert den Vorgang, den komplexen Text zu begreifen, weil die Macherinnen Deutungs- schwerpunkte in der szenischen Realisierung setzen. So verkörpern Heide Kalisch und Sonka Vogt abwechselnd oder gemeinsam das im Roman profane Radio, welches in der Geschirrwäsche des Restaurants „Zum Klausner“ zu Hiddensee auf dem Regal steht. Das Radio strukturiert per Personen die historischen Ereignisse im Herbst 1989 und schafft die Eskalation der Handlung, als die Mitarbeiter in der Gaststätte entscheiden: Bleibe ich, oder renne ich in Richtung Westen?

Geschirrwäsche und Gehirnwäsche

Die permanente Überwachung der Insel, um Grenzdurchbrüche in den Westen zu vermeiden, dominiert den Theaterabend ganz anders, als dies im Buch zum Ausdruck kommt. Militär-Boote, die auf der Bühne kreisen, richten ihre Suchscheinwerfer ins Publikum, andere Boote beherbergen ganz in weiß gekleidete Menschen, offensichtlich die Seelen jener, die beim Unterfangen, die Freiheit zu erschwimmen, ihr Leben einbüßten. Und ob gewollt oder nicht, hier und da kippt das Geschehen, welches nie die inhaltliche und ästhetische Komplexität des Romans über Bord wirft, wie nebenher ab in die gegenwärtige Flüchtlingsproblematik.

Obgleich der ganze Abend sich wesentlich im Ensemblespiel als Kunst ereignet, fixieren Gespräche die inhaltliche Substanz. Die Protagonisten Edgar Bendler und Titelfigur Kruso pellen sich geradezu aus dem Küchenmilieu heraus zu scharf umrandeten Persönlichkeiten.

Kruso vermittelt Bendler im Dialog seine Philosophie: Die wahre Freiheit ist die innere. Der verinnerlicht dies und läuft Schritt für Schritt zu dieser Lebenshaltung über. Raphael Kübler als Kruso und Raimund Widra als Bendler bewältigen das mit eindrücklicher Prägnanz, die vor allem im verhaltenen Spiel Wirkung entfaltet. Aus der Geschirrwäsche entwickelt sich eine Gehirnwäsche. Damit rüstet Kruso Bendler letztendlich auf, dem Anwerbungsdruck der Stasi zu widerstehen. Der Dialog zwischen Konstantin Marsch als Mann mit der Heliomatic-Brille und Raimund Widra besitzt enorme Spannung.

Die Darstellercrew ergänzen Ralph Opferkuch als das andere Ich von Bendler, Thomas Schneider als Gaststättenleiter Krombach, Sebastian Reck als Kellner Rimbaud, Iris Albrecht als Karola sowie Wolfgang Boos als Rick, die Leute vom Tresen, Alexander von Säbel als Kock-Mike und Oliver Chomik als Eisverkäufer René.

Bühne zwischen Idyll und Bedrohung

Die vielfältigen Assoziationen des Romans übersetzt das Regieteam in eine schiere Überfülle von optischen Reizen, szenischen Einfällen und Turbulenzen. Marion Hauer baute eine Bühne, die Gaststätte ist, Zirkusareal, Bedrohungskulisse, Naturidyll. Sie entwarf bunt gescheckte Kostüme, die jeder Figur ein eigenes Profil geben und zeigen, wovor diese Typen im Klausner türmten und wovon sie träumen. Der Zuschauer erfühlt: Da sind ein Riss im Dasein und Sehnsucht und Hoffnung.

Die Inszenierung pendelt ständig zwischen Szenen ausgelassener Tollerei, konzentriert geführten Dialogen und Bildern, die das konkrete Geschehen überhöhen. Die Bühnenversion von Borrmann/Crombholz widerspiegelt die ästhetische Struktur der Prosa auf anderer Ebene. Sie hebt das Deutungsgeheimnis des Romans nicht auf: Am Schluss fährt eine riesige Gangway auf die Bühne, Musik, der Generalsvater schreitet herab. Menschen in russischen Uniformen erscheinen, schwenken übergroße rote Fahnen und tragen Kruso empor. Scheitert Alexander Krusowitsch, Kind eines sowjetischen Militärs, und holt die Sowjetmacht ihn heim, in die Sowjetunion, in den sozialistischen Himmel? Raus aus dem neuen Deutschland? Lebendig oder tot? Da gerät die Freiheit des Kruso zum Mysterium.

Der Roman verteidigt auch auf der Bühne seine Rätsel. Zurück bleibt allein Edgar Bendler. Meinung

Nächste Vorstellungen: 3. und 23. Oktober jeweils 19.30 Uhr, Schauspielhaus