Bis 1944 Auflage von 12,4 Millionen Exemplaren

Nach seinem Umsturzversuch im November 1923 hat Adolf Hitler, in der Festung Landsberg inhaftiert, 1924 sein Buch „Mein Kampf“ geschrieben. Darin legte er seine politischen Ansichten und Pläne dar. Als fanatischer Antisemit war Hitler Anhänger der „Rassentheorie“. In dieser Weltsicht war die sogenannte „arische Rasse“ – deren edelste Vertreter in Hitlers Weltanschauung die germanischen Völker waren – Begründer der menschlichen Kultur. Die Juden hätten eine „verderbliche Rolle in der Geschichte der Menschheit“ gespielt.

Der erste Band erschien im Juli 1925, der zweite folgte im Dezember 1926. Bis Herbst 1944 erreichte „Mein Kampf“ eine Auflage von 12,4 Millionen Exemplaren, dann gab es keine Neuauflage mehr. Die US-Militärregierung übertrug die Urheberrechte nach Kriegsende an den Freistaat Bayern, der seitdem eine Neuveröffentlichung verhindert. Die Urheberrechte laufen Ende 2015, 70 Jahre nach dem Tod des Diktators, aus. (dpa)

München | Christian Hartmann (56), Historiker am Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München, hat sein größtes Projekt abgeschlossen: Anfang Januar erscheint eine kommentierte Neuausgabe von Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“. Hartmann sagt im Interview der Deutschen Presse-Agentur: „Über die öffentliche Reaktion könnte man auch ein Buch schreiben.“

 

Hat Sie die Aufmerksamkeit tatsächlich so überrascht?

Christian Hartmann: In dieser Dimension schon, ja. Klar, es ist ein Symbol und es hat auch eine internationale Relevanz. Es gibt viele deutsche Familien, in denen das Buch noch da ist und die sich daran erinnern. Es ist natürlich ein öffentliches Thema. Aber das schlägt schon alle Rekorde.

Warum ist das so?

„Mein Kampf“ ist ein Relikt aus dem Dritten Reich, das eigentlich seit 1945 bei uns in der Landschaft liegt, und die deutsche Gesellschaft hat sich da noch nicht herangetraut. Außerdem bildet das Buch nun mal den Kern der nationalsozialistischen Ideologie.

Hätten Sie gewusst, welche Welle da auf Sie zurollt – wären Sie trotzdem genau so an das Projekt rangegangen?

Ja, natürlich. Das ist – auch wenn es etwas pathetisch klingt – die Verantwortung des Historikers. Das Wort Vergangenheitsbewältigung ist unendlich abgegriffen, aber natürlich geht es im Kern genau darum. Ich vergleiche unsere Arbeit mit der des Kampfmittelräumdienstes. Wir sind auch eine Art Kampfmittelräumdienst, der Relikte aus der Nazi-Zeit unschädlich macht.

Wie viel Arbeit hat „Mein Kampf“ Ihnen gemacht?

Sehr viel, sehr sehr viel. So ein irres Gebräu zu widerlegen, das ist schwierig. Man ist es in wissenschaftlichen Diskursen ja gewohnt, auf Augenhöhe zu argumentieren, in diesem Fall war es aber so, dass man sich mit völlig abstrusen Vorstellungen auseinandersetzen muss. Das Grundproblem war, dass Hitler von einem ganz anderen Weltbild ausgeht. Wir mussten im Grunde beweisen, dass die Erde nicht flach ist. Hitler ist in seinem Denken so weit von uns entfernt und gleichzeitig so überzeugt davon, dass man in der Widerlegung ganz von vorne anfangen muss.

Können Sie eine solche Widerlegung an einem Beispiel erläutern?

Am Thema Kriegsveteranen zum Beispiel: Hitler klagt in „Mein Kampf“, dass die Republik sich nicht um sie sorgt. Als die Nationalsozialisten an der Macht sind, werden im Rahmen der sogenannten Euthanasie etwa 4000 bis 5000 deutsche Kriegsveteranen, die dauerhaft in den Psychiatrien sitzen, ermordet. Bei dem ganzen Komplex des Antisemitismus wird es grundlegender. Da muss man beispielsweise bei dem Grundsatz der Gleichwertigkeit von Menschen ansetzen. Da muss man dann schon ganz tief einsteigen. Bei der Widerlegung der Dolchstoßlegende muss man anfangen mit dem Kräfteverhältnis im Ersten Weltkrieg. Man muss also schon sehr weit ausholen.

Wie würden Sie „Mein Kampf“ und Hitler als Schriftsteller einordnen?

„Mein Kampf“ ist schon der radikalste Teil in diesem rechtsradikalen Spektrum, das zu der Zeit damals unterschiedliche Ausprägungen hatte. „Mein Kampf“ ist auch der Versuch, den Führungsanspruch in diesem Milieu zu formulieren. Ernst Jünger hat die Sache mal sehr klug auf einen Punkt gebracht und gesagt, dass unter all den Spielarten das Platteste und Niederträchtigste die Oberhand gewonnen habe. Trotzdem ist das Buch vor allem eine Synthese, eine Collage aus Ideen, die damals kursierten.

Arte hat eine Dokumentation über Ihr Forschungsprojekt herausgebracht. Darin sagt die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig, man mache sich in Deutschland heute so gerne über Hitler und „Mein Kampf“ lustig, weil man Angst hat, darin etwas zu finden, was auch in einem selbst schlummert. Ist es Ihnen bei der Arbeit an dem Buch jemals so gegangen?

Man soll „Mein Kampf“ nicht unterschätzen. Da sind schon immer wieder einzelne kluge Beobachtungen drin. Hitler ist dann – auch aus heutiger Sicht – politisch am wirkungsvollsten, wenn er die herrschenden politischen Verhältnisse kritisiert. In seiner Kritik am deutschen Kaiserreich hat er Einiges schon sehr genau wahrgenommen. Er legt da schon auch den Finger in die Wunde. Am schwächsten ist er, wenn er versucht, sich die Aura des Philosophen und Welterklärers zu geben. Grauenhaft! Das kann ihm ja auch gar nicht gelingen. Der Mann hatte keine Schulbildung, geschweige denn eine akademische Ausbildung.

In Deutschland brennen in erschreckender Regelmäßigkeit Flüchtlingsheime. Kommt die Auseinandersetzung mit „Mein Kampf“ zu einer schwierigen Zeit? Oder genau zur richtigen?

Zur richtigen. Das Buch ist ja schon lange da. Faktisch konnte man ja immer irgendwie an dieses Buch herankommen. Es ist im Antiquariat zu haben, im Internet. Die englischen Übersetzungsrechte wurden schon 1933 verkauft, es ist in vielen Sprachen vorhanden. In der „Jüdischen Allgemeinen“ habe ich gelesen, dass „Mein Kampf“ aus dem Giftschrank in der Nationalbibliothek in Berlin ganze zweimal im Jahr angefragt wird. Das wirft doch ein Licht auf die gängige Praxis: Wer das Buch lesen will, kauft es sich, oder es wird im Internet angeschaut. Jetzt haben wir endlich mal eine kritische Referenzausgabe, die möglicherweise auch international wirkt.

Gibt es Pläne, das komplette Projekt zu übersetzen?

Wir haben wirklich überraschend viele Anfragen und viele sagen vollmundig, dass sie das Ding mit seinen 27 Kapiteln und 1950 Seiten und den vielen, vielen kleinen Fußnötchen übersetzen wollen. Da kann ich nur sagen: Glück auf. Das ist sehr viel Arbeit. Wir müssen da einfach mal sehen, was die Zukunft bringt – und auch, wer ab dem 1. Januar noch auf den Markt drängt.

Wissen Sie von anderen Vorhaben?

Nur von einer französischen kritischen Ausgabe, die aber, soweit ich weiß, noch nicht sehr weit gediehen ist. Uns war es wichtig, auch wirklich im Januar rauskommen zu können, um anderen das Wasser abzugraben. Was ich nämlich fast noch widerlicher finde als den politischen Missbrauch des Buches, ist der ökonomische Missbrauch, das Spielen mit dem Tabu und dem Verbot. Es ist durchaus denkbar, dass da irgendjemand kommt, das Buch mit einer wachsweichen Einleitung versieht und 20  000 Exemplare davon auf den Markt bringt.

In welcher Auflage erscheint Ihre Ausgabe?

Wir starten mit 4000 Stück. Einen Teil übernimmt die Bundeszentrale für politische Bildung und stattet damit Gedenkstätten aus.

Wie teuer soll das Buch sein?

59 Euro. Der Preis demonstriert zwei Dinge: Wir wollen es nicht verschleudern und nicht in irgendwelche Bestseller-Listen kommen, aber wir möchten schon auch gelesen werden. Es ist ein sehr bewusst kalkulierter Preis, der nicht die Zielsetzung hat, dass das Institut sich irgendwie bereichert.