Geschichte

Als Rindviecher die Nostalgie auslösten

Kaum etwas klingt altbackener als ein „Früher war alles besser“. Ewig gestrig, diese Nostalgie. Oder doch nicht? Anfangs machte der Begriff auf eine Krankheit aufmerksam - angeregt durch Kühe auf der Weide.

Von Sebastian Fischer, dpa
Kühe stehen auf einer Weide. Kaum etwas klingt altbackener als ein „Früher war alles besser“. Ewig gestrig, diese Nostalgie. Oder doch nicht?
Kühe stehen auf einer Weide. Kaum etwas klingt altbackener als ein „Früher war alles besser“. Ewig gestrig, diese Nostalgie. Oder doch nicht? Lino Mirgeler/dpa

Berlin - In einer Epoche, in der Veränderungen an der Tagesordnung stehen, suchen einige Halt im Vergangenen. Nostalgie kann man als Revolte gegen Globalisierung und Moderne ansehen. Oder als ein Festhalten an Erfahrungen aus einer Zeit, in der etwa das Coronavirus noch nicht den Großteil des Lebens bestimmte.

Nostalgie ist sowohl ein Gefühl von Verlust als auch ein Stelldichein mit der eigenen Einbildung.

Zum ersten Mal taucht die Bezeichnung am Dienstag (22. Juni) vor 333 Jahren auf. Im Jahr 1688 verteidigt der Elsässer Mediziner Johannes Hofer seine auf Latein verfasste Doktorarbeit „Dissertatio Medica De Nostalgia, Oder Heimwehe“. Eine Wortneuschöpfung, für die Hofer die griechischen Wörter für „Heimkehr“ (nóstos) und „Schmerz“ (álgos) miteinander verwebt. In der Antike ist der Begriff nicht belegt.

Gemeint ist damit die seinerzeit wohl weit verbreitete Sehnsucht eidgenössischer Söldner nach ihrem alpinen Zuhause. Es sei „eine Krankheit, die nur Schweizer befällt“, heißt es in der Dissertation.

Für Hofer liegt die Ursache der angeblichen Nervenkrankheit darin, dass die Patienten aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen werden. Die Sehnsucht nach der Heimat führe zu obsessiven Gedanken und Schlaflosigkeit, lasse den Appetit schwinden, es könne zu hitzigem Fieber und Herzrasen kommen und schlimmstenfalls zum Tod.

Soldaten aus Bern, Basel, Luzern oder Zürich soll es etwa im Ausland zur Fahnenflucht getrieben haben, wenn sie sogenannte Kuhreihen vernahmen - Instrumentalstücke, die in der Schweiz dazu benutzt wurden, das Rindvieh von den Weiden zu treiben oder beim Melken zu beruhigen. Die Melodie habe bei ihnen Melancholie hervorgerufen.

Spekuliert wird damals tatsächlich, ob es sich bei der Nostalgie um ein körperliches Gebrechen handle: ob das Läuten der Kuhglocken bei den Schweizern Schäden am Trommelfell und Gehirn verursache, oder ob der veränderte Luftdruck fernab der Alpsennereien verantwortlich sei für die Anfälle. Einige Ärzte wollen die Nostalgie mit Opium oder Blutegeln kurieren, andere sogar mit der Einnahme von Schießpulver. Doch so richtig finden die Mediziner kein Mittel, so dass Nostalgie bald als unheilbar gilt.

In späteren Jahrhunderten definieren Psychoanalytiker Nostalgie dann als eine psychiatrische Krankheit, als eine Form der Melancholie oder Depression. Die Sehnsucht nach einem Ort wird zur Sehnsucht nach einer Zeit. Menschen flüchteten in die Vergangenheit, weil sie gegen die Anforderungen des Lebens nicht gewappnet seien und Zukunftsängste hätten. Heute versteht man unter Nostalgie kein Leiden mehr, sondern eine „unbestimmte Sehnsucht“, wie es im Duden heißt, die „Rückwendung zu einer vergangenen, in der Vorstellung verklärten Zeit“.

Psychologen gehen davon aus, dass nostalgische Emotionen durch Reize wie etwa Musik oder Düfte ausgelöst werden können, genauso aber auch durch negative Erfahrungen wie Einsamkeit und Identitätsbrüche oder auch anscheinend banale Ereignisse wie schlechtes Wetter.

Britische Forscher finden im Sommer 2020 in einer Studie heraus, dass Nostalgie uneindeutige Gefühle hervorrufe. Einerseits glückliche, weil man sich an ein positives Ereignis aus der eigenen Vergangenheit erinnere. Andererseits könne man genauso gut melancholisch werden, weil diese guten Zeiten vorbei und damit unerreichbar seien. Während typischerweise davon ausgegangen wird, dass sich der Mensch entweder gut oder schlecht fühlt (aber nie beides zusammen), sehen die Experten am Beispiel der Nostalgie, dass diese zugleich Freude und Traurigkeit verstärke.

Das Konstrukt eines „Früher war alles besser“ spielt auch in der Politik eine Rolle. Forscher der Universitäten München und Kopenhagen geben in einer jüngst veröffentlichten Studie an, dass Populisten die Nostalgie nutzten, „um (vermeintliche) Krisen affektiv mit der Sehnsucht nach einer geliebten Vergangenheit zu verbinden“. Diese habe sich als kompatibel mit der konservativen Politik der Rechten erwiesen, die Traditionen und Werte gegen Veränderungen verteidigt.

Allerdings muss Nostalgie nicht zwingend etwas Negatives oder ein Rückzugsort für Ewiggestrige sein. Die 2015 gestorbene Harvard-Slawistin Svetlana Boym umreißt zwei Arten: Nostalgie, die eine historische Heimat betone, verstehe sich als absolute Wahrheit und Tradition. Symbole und Rituale aus der Vergangenheit sollen dabei die Jetztzeit erobern. Hingegen verweile man mit einem reflektierenden Blick in die Geschichte in den „Ambivalenzen menschlicher Sehnsucht und Zugehörigkeit“ und lasse die Widersprüche der Moderne zu. Diese Nostalgie könne ironisch und humorvoll sein.

Auch wenn sich also die Definition der Nostalgie mittlerweile von der des Mediziners Hofer weiterentwickelt hat, so ist doch etwas lebendig geblieben: die Geschichte von den gesunden Schweizern. Die Alpen als Sehnsuchtsort für das Glück - das hat sich bis in die Moderne gehalten. Das Leben auf der Alm ist weiterhin manch Anlass für Nostalgie. Auch heute noch gibt es da ein Fieber, wenn meist aber höchstens nur noch: das Reisefieber.