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Rossini-Oper eröffnet Spielzeit in Magdeburg Aschenputtel-Geschichte in abenteuerlichem Mafia-Milieu

19.09.2011, 04:40

Mit einer Mischung aus Temperament und Tempo, Witz und Ironie startete das Magdeburger Theater am Sonnabend in die neue Saison: Rossinis Aschenputtelversion "La Cenerentola" geriet zur schrecklich-schön schrillen Opera buffa, die im fast ausverkauften Haus heftig beklatscht und mit Bravorufen bedacht wurde.

Von Caroline Vongries

Magdeburg. Schon bei Rossini geht es weniger um archetypische Kämpfe, böse Stiefmütter und schon gar nicht um blutige Schuhe, sondern um die Kunst guter Unterhaltung und um die Verwicklungen von "amore".

In Magdeburg wird’s jetzt noch etwas italienischer: Ein ganzer Hofstaat sonnenbebrillter und breitkrempig (weiß) behüteter Mafiosi trinkt am Schluss auf das Wohl des königlichen respektive Jetset-Paares, das sich nach drei Stunden abenteuerlicher und atemloser Verfolgungsjagd gleichender Verwechslungsszenen samt Hubschraubereinsatz gerade glücklich gefunden hat.

Schauplatz: nicht irgendein Schloss, ob nun das des Prinzen, hier mit Namen Don Ramiro oder das seines Widersachers, sondern eine zu einer bekannten Kette gehörende italienische Espressobar ("Sigifrida" steht in großen rot-schwarzen Lettern auf weißem Grund geschrieben).

Die Inszenierung von Regisseurin Annette Leistenschneider im Verein mit dem hauseigenen Dramaturgen Michael Otto sowie dem neuen ersten Kapellmeister Michael Balke (und Pawel Poplawski) hat an einigen Stellschrauben gedreht und überzeichnet den ursprünglichen Märchenstoff bis hin ins Absurde und Skurrile. Das gelingt recht kurzweilig.

Alles beginnt damit, dass ein Heer von Schönheitschirurgen und Beratern die beiden unwiderstehlich unausstehlichen Stiefschwestern von Aschenputtel Angelina (Susanne Drexl) Tisbe (Lucia Cervoni)und Clorinda (in Doppelbesetzung Julie Martin du Theil und Ute Bachmeier) belagern, denen es im Grunde nur um das eine geht: sich einen reichen Mann zu angeln.

Da kommt ihnen Prinz Don Ramiro, der, wie er sagt, in der unangenehmen Situation ist, heiraten zu müssen, ohne sich verliebt zu haben, gerade recht. Pech für die "Schürzenjägerinnen" allerdings, dass Ramiro ausgerechnet eine Frau sucht, die ihn nicht wegen seines Geldes und seiner gesellschaftlichen Position heiratet. Deshalb schickt er seinen Mann für alle Fälle, den ehemaligen Auto- und Panzerknacker Dandino, (Nathan De‘Shon Myers) als falschen Prinzen vor, während er selbst inkognito in der Rolle des eigenen Dieners das Geschehen in Ruhe beobachten kann.

In einem Zeitalter, in dem die alten Helden lange schon ausgedient haben, verkörpert Gasttenor Milos Bulajic den Don Ramiro über weite Strecken als Mann der leiseren Töne, teils ironisch-gedämpft, teils nachdenklich-zurückhaltend, der sich augenscheinlich in der Beobachterrolle wohler fühlt als in seiner wahren Identität als Prinz.

Hinreißend komische Borniertheit

Charmante Momente sind es, wenn der bereits hoffnungslos Verliebte in dunkelblauen Knickerbockern und mit karierten Wollstrümpfen zwischen Toilette und Mülleimer für sein Aschenputtel den Besen schwingt.

Aus dem Vollen schöpfen kann hingegen Martin-Jan Nijhof als schmieriger Stiefvater und Barbesitzer Don Magnifico. In seiner sich selbst entlarvenden Borniertheit ist er so hinreißend komisch, dass man schon fast wieder mit der Figur sympathisieren will. Wäre da nicht diese hochbrodelnde Gewalttätigkeit. Wer hat denn nun eigentlich das Sagen im Staate? Der Diener Dandino, der über weite Strecken die Macht repräsentiert und dem man sich deshalb andient? Der königliche Berater Alidoro (Mario Solimene), der verkleidet als Obdachloser oder als Kapitän und Lebemann mit Zigarre im Mund genüsslich die Strippen zieht, dabei übergeordnete Werte predigt und doch nebenbei die eigenen Interessen verfolgt?

Weitgehend unbehelligt von derlei Widersprüchen bleibt allein die Figur Aschenputtel-Angelinas, von Susanne Drexl mit einer unprätentiösen, selbstbewussten Präsenz verkörpert: Weniger ein Engel unter Bösewichtern als ein Mensch, der sich auch in unerfreulichen Situationen treu bleibt.

Doch was wird aus ihr, aus ihren bis dato behaupteten Werten, wenn sie nun mit ihrem Liebsten die Regierungsgeschäfte übernimmt?

Insgesamt eine in sich stimmige Inszenierung mit hübsch aufpolierten Glanzpunkten, einer gestisch wie musikalisch ausgereizten Komik und einer Magdeburgischen Philharmonie, die – von ihrem Dirigenten immer wieder befeuert – an Spielfreude den Darstellern auf der Bühne in nichts nachsteht.