Magdeburg l Wenn man heutzutage über revolutionäres Gestalten spricht, dann ist der Gedanke automatisch beim legendären Bauhaus. Aber auch andere Schulen hatten sich mit ihrer Lehre Renommee erarbeitet, weil sie wegweisend waren. So hatte sich die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg große Reputation erarbeitet – bis 1963 das staatlich verordnete Aus kam.

Etliche Schülerarbeiten wurden damals verbrannt, ebenso Schulakten. Mit dem zu großen Teilen vernichteten Innenleben wurde vieles aus dem Gedächtnis gelöscht – doch das imposante Gebäude ist erhalten geblieben. Der Verein Forum Gestaltung hat dort seit vielen Jahren nicht nur sein Zuhause. Er bewirtschaftet im Auftrag der Stadt per Überlassungsvertrag die Räumlichkeiten der einstigen Lehranstalt und wird vor allem nicht müde, an einstigen schulischen Glanz zu erinnern. Zahlreiche Ausstellungen schon waren Lehrern, Schülern und ihren Leistungen rund um Reklame, Werbung, die Theaterausstellung von 1927 gewidmet. Nun aber gibt es erstmals eine Dauerausstellung an diesem authentischen Ort.

Fische, Wellen, Pflanzenstudien

Erzählt wird unter dem Titel "ganz modern" die höchst wechselvolle Geschichte der Schule, die bereits 1793 gegründet wurde und somit zu den ersten Einrichtungen zählte, "mit denen der preußische Staat seine Bemühungen um eine bessere Bildung gestalterisch Tätiger über die Hauptstadt und den Horizont höfischer Bedürfnisse hinaus in die wirtschaftlich prosperierenden Provinzen ausweitete" (aus: Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg, Bibliothek Forum Gestaltung). Hauptaugenmerk der Schau aber liegt auf der die Schule prägendsten Zeit. Das war Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre. Kurator Norbert Eisold blickt chronologisch auf diese Zeit zurück. Man weiß aus vorherigen Ausstellungen um die Vielfalt der schulischen Ausbildung und um die zahlreichen Lehrerpersönlichkeiten. Jetzt werden sie noch einmal vereint, stehen mit Arbeiten neben denen ihrer Schüler.

Bilder

Wilhelm Deffke ist natürlich vertreten, der einstige Rektor, der 1925 die große Reichsausstellung "Der Zucker" künstlerisch leitete und dafür die ausgestellte goldene Biene als abstrakt-kubistisches Signet schuf. Auch Arbeiten von Johannes Molzahn, der einst auf Empfehlung von Gropius nach Magdeburg kam, Albin Müller und seinen Schülern gehören zu den Exponaten. Sein Name ist heute in der Landeshauptstadt wohl am ehesten bekannt, weil der weithin sichtbare Aussichtsturm im Stadtpark von Magdeburg nach seinen Entwürfen entstanden war und heute nach ihm benannt ist. Buchillus­trationen, Plakatentwürfe, Signets, Medaillen, Mobiliar sind zu sehen, die Entwicklung hin zur Sachlichkeit. Fische in geometrischen Grundformen, das Spiel mit Wellen, Ecken, Linien, der Aufbau von Schriften. Wie qualitativ anspruchsvoll die Ausbildung in Magdeburg war, ist allein an den Pflanzenstudien zu sehen, die zeigen, welchen Wert Paul Bernardelli einst auf das zeichnerische Studium legte. Die Qualität wird auch deutlich bei Porträts aus der Klasse von Richard Winckel, dem Lehrer für Lithografie.

Zurück ins urbane Bewusstsein

Am 30. November 2004 habe es im Gebäude der einstigen Schule die erste Ausstellung mit Schülerarbeiten gegeben, sagt Norbert Pohlmann, Geschäftsführer des Forum Gestaltung. Der Wunsch sei schon lange da gewesen, nicht nur in Sonderausstellungen, sondern dauerhaft zu zeigen, welche bedeutende Rolle die Magdeburger Kunstschule spielte. Pohlmann spricht von einem "Zurückholen in unser urbanes Bewusstsein". Die Räumlichkeiten wurden für die Präsentation bemerkenswert erneuert.

Eröffnung heute von 17 bis 23 Uhr mit Swing und Jazz.