Dessau l Tomasz Kajdański macht aus der „Carmen-Suite“ von Rodion Schtschedrin nach Bizets Oper und Manuel de Fallas „Der Dreispitz“ am Anhaltischen Theater Dessau einen packend unterhaltsamen Ballettabend. In Dessau ist jede Ballettpremiere allein schon ein Erfolg, weil sie stattfindet. Das Schrumpfen dieser Sparte am Anhaltischen Theater ist eine bleibende Folge des finanziellen Einsparkurses, der von der (vorigen) Landesregierung in der Kultur brachial durchgesetzt wurde. Zum Glück hat Tomasz Kajdański als Spartenchef die Nerven das auszublenden. Und als Choreograph die Phantasie, trotz allem, noch jedes Mal mit seinen Kreationen zu überraschen und sein Publikum zu begeistern. Beim jüngsten Carmen-Dreispitz Doppelabend sitzt die Anhaltische Philharmonie im Graben und GMD Markus L. Frank steht am Pult.

Das Gespür für die „richtige“ Musik gehört seit je zum Markenzeichen des Choreografen. Mit diesem Verständnis für den inneren Zusammenhang von Musik und Bewegung findet er zu einem in sich stimmigen Ergebnis auf der Bühne. Auch, wenn ein Abend wie diesmal aus zwei Teilen besteht, die auf den ersten Blick sehr verschieden, ja fast gegensätzlich daherkommen. Dabei (ver-)führt schon das Spiel des 1932 in Moskau geborenen Komponisten Schtschedrin mit den populären Hauptmotiven aus Bizets „Carmen“ in die bekannte Geschichte. Er hat das Carmen-Ballett seiner Frau, der legendären Primaballerina Maya Plissezkaja 1967 gleichsam auf den Leib komponiert. Bei Kajdański wird die Carmenstory eingerahmt durch den Kopfschuss, mit dem Don José sich selbst nach dem Eifersuchtsmord an Carmen tötet - die Handlung ist so gleichsam eine Rückerinnerung. 

Hunger nach Lebensfreude auf der Bühne

Nicole Bergmann hat dafür hinter der Tanzfläche einen imponierenden Berg aus zum Teil projizierten Stühlen aufgetürmt. Eine Skulptur, die ihre opulente Wirkung durch unterschiedliche Beleuchtung verstärkt und sich doch zurücknimmt. Auf einem freischwebenden Balken schreitet Carmen einmal demonstrativ, für den unten auf einem Stuhl gebannten José unerreichbar, entlang. Eveline Drummen spielt als Gast im Ensemble ihre Reize so selbstbewusst aus, wie sie ihr rotes Kleid trägt.

Bilder

Ansonsten herrscht ungezügelte Lebensfreude . Carmen facht das Spiel mit dem Feuer an, wenn sie Josés Liebe ausnutzt und dann sich doch offen dem Torero Escamillo zuwendet. Der muss bei den Frauen nur seine Star-Aura ausspielen. Die aufrichtige Micaëla (Moe Sasaki) hat in dieser Konstellation kaum eine Chance. Nach der Pause: Manuel de Fallas (1867-1946) von Sergej Diaghilews Ballets Russes 1919 uraufgeführter „Dreispitz“, dessen Originaltitel „El sombrero de tres picos“ so schön spanisch klingt.

Zuschauer schnüffelt im Privaten

In Dessau nehmen wir die Position von Paparazzi ein, und beobachten Herrn und Frau Müller in ihrer luxuriösen Ferienwohnung mit Pool und Meerblick, die gut auf Mallorca liegen könnte. Vom Exempel einer Leidenschaft, die Leiden schafft bzw. tödlich endet, gehts im Gewand einer modernen Commedia dell’arte in die Banalität von Szenen einer Ehe, in der zumindest diese Konsequenz ausfällt. Im Grunde wird das Ganze jetzt noch einmal als Farce mit lauter bunten Vögeln durchgespielt.

 In der Banalität gebändigter Bürgerlichkeit. Wenn das Pärchen Corregidor (Nicola Brockmann und Fergus Andrew Anderley) bei Müllers zum Glas Sekt, ein kecker Dandy (Daisuke Sogawa) nebst Begleitung (Johanna Raynaud) aufkreuzen und diverse Nachbarinnen dazwischenfunken und sich zwei schlagkräftige Polizisten in eine handfeste Intrige einspannen lassen, geht es rund. Hinreißend wie Ann-Maria Tasarz eine Frau Müller gibt, die wohl am liebsten Carmen wäre und Julio Miranda seinen Escamillo aus dem ersten Teil in einen Macho transformiert, der jede noch so kleine Gelegenheit für einen Flirt bei den Frauen nutzt. Das Ensemble ist mit Hingabe bei der Sache - die Interpretinnen von Carmen und Frau Müller ragen dabei deutlich heraus.

Schauspielerische Dynamik

Wirklich faszinierend ist die in jeder Geste den gesamten Körper erfassende geschmeidige Beweglichkeit von Daisuke Sogawa. Dieses stille Charisma der Harmonie verleiht seinem Don José eine Melancholie, die ihn über den eifersüchtigen Wüterich und seinem Dandy über die bloße Witzfigur hinaushebt. Und es entlarvt die ausgestellten Machogesten der andern. Ein Doppelabend, der in jeder Hinsicht lohnt!

Weitere Vorstellungen am 26. Januar, 9. Februar, 22. März, 7. April und 26. Mai.