Stendal l Unweit vom großen Theaterhaus, an der Ecke Hallstraße/Karlstraße, befindet sich die Kleine Markthalle, ein Ort der Begegnung. Ab Januar trifft sich dort Milieu, auch Gestrandete, die zusammen ein Bierchen trinken. Es sind Figuren aus dem Stück „Tschechow-Variationen“, für das Regisseur Ulrich Cyran drei Einakter des russischen Schriftstellers Anton Tschechow zu einem Abend verbindet. Die Welt und die Sprache seien stark von Tschechow geprägt, doch Cyran habe umgeändert und die Einakter „Auf der großen Straße“, „Über die Schädlichkeit des Tabaks“ und „Tragödie wider Willen“ miteinander verwoben, sagt er.

Spiel zwischen Bierkästen und Zuschauern

Dass Cyran ein Stück für einen dem Theater fremden Raum entwickelt, ist für ihn spannend. Anders als im Theater nämlich will er mit der Nähe zum Publikum punkten, setzt es passend zu einer Kaschemme zwischen Bierkästen mitten rein ins Spiel der Schauspieler. Er habe schon manche Erfahrung mit solcher Art des Theatermachens gesammelt – als Schauspieler, als Regisseur, als Autor, sagt er und spricht für sich selbst von einer tollen Erfahrung. „Sonst hat man immer die Bühne auf der einen und den Publikumsraum auf der anderen Seite.“ Kein Abstand sei eine Herausforderung für alle, für die Spieler und die Zuschauer. Jeder kann alles jederzeit einsehen.

Wenn am 11. Januar Premiere in der Kleinen Markthalle ist, beginnt ein neues Jahr für das Theater, das ohne die angestammten Spielstätten schon rein logistisch nicht einfach wird. Während die Gebäudehülle samt Dach und Fenster sowie die veraltete Anlagentechnik für insgesamt 4,5 Millionen Euro, fast drei davon tragen EU und Land Sachsen-Anhalt, mit Blick auf Energieeinsparung erneuert werden, kann nicht einfach der Theaterbetrieb eingestellt werden. Das Haus zieht in die Stadt, auf zahlreiche Bühnen, die sonst gar nichts mit Theaterkunst zu tun haben, wie die Stadionkneipe des 1. FC Lok Stendal oder die Uppstall-Kinos. Gespielt wird auch im Altmärkischen Museum, im Haus der Vereine und beim Verein Kunstplatte. Nun sind externe Spielstätten für Theaterbetriebe nichts Außergewöhnliches, aber in der Stendaler Größenordnung nun doch eine Herausforderung, Auf der Homepage gibt es einen Theaterstadtplan. Er zeigt alle Ausweichquartiere – und lässt Außenstehende ein klein wenig erahnen, was da auf die Theatermannschaft zukommt.

Bilder

Intendant spricht von Chance fürs Haus

Wenn man mit dem Intendanten Wolf E. Rahlfs spricht, dann glaubt man, eine gewisse Anspannung zu verspüren. Denn mit der Umzugsaktion geht es nicht nur um die gewaltige Logistik rund um Bühnenbau, Licht, Maske, Ton, sondern auch um die Frage, wie das treue Publikum die zu großen Teilen unkonventionellen Räumlichkeiten annehmen wird.

Aber gerade in diesen Räumlichkeiten sieht Rahlfs auch Chancen. Einerseits für das Team, das kreativ-künstlerisch in Bewegung gehalten würde, weil nun einmal ein Ort wie die Stadionkneipe ein anderes Spiel von Ästhetik verlange. Andererseits für die Zuschauer, die bisher vielleicht noch nicht ins Theater gefunden haben, zu denen das Ensemble aber nun hingeht. Er spricht von einer ganz anderen Kommunikationsfläche, auch von einer neuen Sichtbarkeit im Stadtraum. Deshalb habe man sich auch sehr bewusst entschieden, nicht eine große Halle, einen Satelliten, wie es Rahlfs nennt, aufzubauen oder anzumieten. Was der treue Theatergänger davon hält, wird man sehen.

Fakt ist, mit dieser nachvollziehbaren Entscheidung für den Stadtraum wird das Theater seine Zuschauerzahlen nicht halten können. Keiner der Orte, so sagt Rahlfs, habe mehr als 100 Plätze. Zum Vergleich: Das Große Haus fasst mehr als 500 Leute.

Das Theater soll im November 2020, so ist es geplant und innigster Wunsch von Intendant Rahlfs, wieder bespielt werden können. Im vierten Quartal wird schließlich ein Großteil des Umsatzes erwirtschaftet.

Die Theaterkasse ist während der Baumaßnahmen in der Karlstraße 13 (gegenüber vom TdA). Kartenreservierungen sind telefonisch unter 03931/63 57 77 oder per E-Mail unter besucherservice@tda-stendal.de möglich.