Volksstimme: Frau Oskamp, müssen Sie heute noch Nägel schneiden und Hornhaut schaben?
Heute nicht, aber zwei Tage in der Woche bin ich im Salon.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, von der schreibenden Zunft zur Fußpflege zu wechseln?
2015, ich war 45, hatte ich mein viertes Buch geschrieben und von zahlreichen Verlagen nur Absagen bekommen. Weil ich ziemlich erfolgsverwöhnt war, hat mich das mächtig aus der Bahn geworfen. Mir war klar, dass ich nicht einfach so weiterschreiben konnte. Um mich am eigenen Schopf aus dieser Krisensituation herauszuziehen, wollte ich was ganz anderes machen.

Die Füße fremder Menschen zu bearbeiten gehört nicht zu den Traumberufen.
Das stimmt, aber eine Bekannte von mir hatte ein Kosmetikstudio in Marzahn eröffnet. Um mir etwas Gutes zu tun, habe ich mir dort eine Kosmetik, eine Massage und eine Fußpflege gegönnt. Als ich dann bei ihr auf der Massageliege lag, erzählte ich von meiner misslichen Lage. Meine Bekannte sagte mir: „Werd‘ doch Fußpflegerin. Ich habe so viele Anmeldungen. Du kannst mir helfen.“ Heute ist sie meine Chefin.

Sie mussten viel lernen.
Das habe ich. Ich hatte großen Respekt vor der Arbeit. Man hat viel mit alten Menschen zu tun und damit auch mit alten Füßen, die vom Leben gezeichnet sind. Viel zu oft sitzen Künstler ja in einem Elfenbeinturm. Den gibt es in der Fußpflege nicht.

Der Salon liegt in Marzahn. Die DDR-Plattenbausiedlung hat – um es gelinde zu sagen – nicht den besten Ruf. Sie nennen Ihr Buch „Marzahn mon Amour“ und erzählen voller Liebenswürdigkeit über diesen Berliner Kiez. Ist er Ihnen so ans Herz gewachsen?
In meiner Klasse damals waren Kinder, die gehörten zu den ersten Bewohnern von Marzahn. Sie kamen mit Gummistiefeln in die Schule, weil überall gebaut wurde und es so viel Eierpampe gab. Heute gibt es viele Klischees über Marzahn, die mich aber nicht interessieren. Wenn ich dorthin fahre und den Salon aufschließe, fühle ich mich wohl. Marzahn ist grün, aufgeräumt, hat viel Luft und Licht. Und liebenswerte Menschen.

Sie erzählen in Ihrem Buch von Herrn Paulke, Frau Guse und Erwin Fritzsche. Das sind wahrscheinlich keine Klarnamen, oder?
Die Namen sind erfunden. Die Geschichten aber nicht. Während ich Füße pflege, erfahre ich Lebensgeschichten.

Ihre Kunden sind hauptsächlich ältere Menschen. Da wird viel über Krankheiten und schwierige Lebensverhältnisse gesprochen.
Oft wird mir das Herz ausgeschüttet. Manches ist voller Humor, manches schräg, vieles auch traurig. Viele Kunden erzählen wirklich sehr ehrlich und warmherzig. Das nehme ich dann mit nach Hause – an den Schreibtisch.

Wann kamen Sie auf die Idee, das aufzuschreiben?
Das war ein Prozess. Ich habe immer wieder zu Hause erzählt, was ich erlebt habe. All das nahm viel Raum in meinem Kopf ein. Erst habe ich Notizen gemacht, dann wurden es Texte. Um sie nicht ausufern zu lassen, habe ich mich jeweils auf ein Hauptthema konzentriert, auf ein Motiv. Letztlich habe ich im Sinne des Textes viel weggelassen und verdichtet.

Wann fanden Sie den Mut, das Aufgeschriebene einem Verlag vorzulegen?
Ich habe auf Freitext veröffentlicht, das ist eine Schriftsteller-Plattform bei Zeit online. Nach zwei, drei Geschichten hat die Redaktion eine Serie daraus gemacht. Dann hat sich der Hanser Berlin Verlag interessiert. Und jetzt ist das Buch da.

Ihr einst erfolgreicher Roman „Hellersdorfer Perle“ war eine Fluchtgeschichte einer Frau aus dem Alltag. Nun waren Sie selbst in einer Sackgasse und packten gewisserweise die Koffer. Wollen Sie auch Mut machen?
Ich musste raus aus diesem Alltag, ich konnte nicht Wochen und Monate jammernd zu Hause sitzen und mich von der Literaturbranche ungerecht behandelt fühlen. Ich musste, ich wollte handeln. Dann hat mir das Leben dieses Angebot gemacht. Wissen Sie, es öffnen sich immer Türen.

Kehren Sie der Fußpflege nun den Rücken?
Nein. Mit den Jahren und nach mittlerweile viereinhalbtausend Füßen ist der Beruf mir sehr ans Herz gewachsen, er macht mir nach wie vor großen Spaß. Er erdet mich, im übertragenen Sinn und im direkten auch. Ich erlebe jede Woche tolle Kunden und habe tolle Kolleginnen. Das kann und will ich nicht wegschmeißen.

Zu den Literaturwochen Magdeburg liest Katja Oskamp in einer Podologie: Mittwoch, 25. September, 19 Uhr, Praxis für Podologie Britta Temmel, Breiter Weg 120 a. Einführende Worte: Annett Gröschner. Nur nach Voranmeldung über Feuerwache, Telefon 0391 60 28 09. Eintritt: 8 Euro.