Wernigerode/Pretoria l Wien, Linz, Venedig, Calamata in Griechenland – Peter Habermann, der Chorleiter des Rundfunk-Jugendchores Wernigerode, ist schon oft weit gereist, um Chöre zu hören und anschließend ein Urteil über diese Leistung abzugeben. Doch so weit wie dieses Mal führte ihn die Reise noch nie: Tshwane in Südafrika. Besser bekannt für einen Teil der Gemeinde: Pretoria, die Landeshauptstadt.

Dort ist der 58-Jährige einer von drei deutschen Juroren, die für die World Choir Games vom 4. bis 14. Juli engagiert wurden. Die Zahl wirkt erst im Vergleich: Mehr als 70 Juroren insgesamt bewerten an die 1000 Chöre mit insgesamt 20 000 Sängerinnen und Sängern aus aller Welt. Da ist es eine Riesenehre, eingeladen zu werden, sagt er. „Das sind mehr Teilnehmer als bei den Olympischen Spielen“, sagt der Oschersleber, der aus dem Erzgebirge stammt. Die Sänger des Landesgymnasiums für Musik in Wernigerode beteiligen sich nicht an der Chorolympiade – im Gegensatz zum Kammerchor Wernigerode.

Vielerorts große Chortradition

Ob er das hochkarätige Ensemble, das er selbst zwischen 2003 und 2010 geleitet hat, bewerten muss? „Das ist ausgeschlossen“, sagt der Dirigent. „Aber ganz sicher werde ich es mir nicht entgehen lassen, es zu hören.“ Falls er überhaupt dazu kommt: Denn in den zwei Wochen, die der Wettbewerb läuft, wird er sicher über 100 Chöre hören und bewerten. Ein bis zweimal pro Jahr ist er als Juror auf Chorfestivals oder Wettbewerben im Einsatz.

Wie oft er schon in der Jury saß, habe er nicht mitgezählt. Worauf kommt‘s da an? „Das Zusammenspiel zwischen Chorleiter und Chor ist unheimlich wichtig. Der Chorleiter muss schließlich die Balance finden zwischen Anspruch und Überforderung“, erklärt er. „Ich versuche dann, alles aus meiner Perspektive gerecht zu bewerten. Mit meinem Votum liege ich unbewusst sehr häufig ziemlich in der Mitte.“

Jeder Wettbewerb sei generell anders, jede Kategorie für sich habe eigene Kriterien. „Folklore wird anders bewertet als sakrale Musik.“ Aus welchem Land ein Ensemble stammt, sage noch lange nichts über die Qualität aus. „Die Finnen empfinde ich als genauso beeindruckend wie die Chinesen. Es gibt überall gute Chöre und fast jedes Land hat eine eigene Chortradition.“ Die schönsten Kostüme hätten seiner Meinung nach aber die Sänger von Sol Art aus dem vietnamesischen Hanoi. „Die beziehen schon die Kleinsten mit ein“, schwärmt er.

Spannend sei für Peter Habermann besonders die Arbeit mit den Chören während des Wettbewerbs. Denn neben dem Leistungssingen steht die pädagogische Arbeit der Juroren mit den Sängern im Vordergrund. Er wird mit verschiedenen Chören Literatur einstudieren. Mit welchen, weiß er heute noch nicht. „Generell reden wir englisch, im schlimmsten Fall, wenn niemand englisch versteht, dann kommt ein Übersetzer dazu“, sagt er.

Habermann sang selbst im Kreuzchor

Durch diese Einsätze lerne er eine Menge für die Arbeit mit dem Rundfunk-Jugendchor dazu: Wie der Chor aufgestellt wird, wie die Sänger die Titel präsentieren und interpretieren, wie die Altersstruktur genutzt wird – all das könne er für seine Arbeit nutzen.

Am Landesgymnasium für Musik arbeitet Habermann seit nunmehr 34 Jahren, seit 1996 ist er künstlerischer Leiter des Rundfunk-Jugendchores. Er selbst sang im Dresdner Kreuzchor. „Ich bin seit dem zehnten Lebensjahr von zu Hause weg“, sagt er. Damals habe sich bereits abgezeichnet, dass die Musik einmal viel Raum in seinem Leben einnehmen werde. Auch während seines Grundwehrdienstes in Leipzig sang er im Armee-Ensemble. Es folgte das Gesangsstudium in Dresden. Bevor er den Leistungschor übernahm, sang er viele Jahre als Solist im Rundfunk-Jugenchor unter Friedrich Krell.

Gestern ist Peter Habermann abgeflogen. Zwei Vorrunden und den eigentlichen Wettbewerb wird er begleiten. In Afrika war er bisher noch nie. Viel Zeit, Land und Leute kennenzulernen, hat er nicht. „Ein Tag ist zwischendurch als frei eingetragen“, verrät er. „Aber das kann sich ganz schnell ändern, wenn man vor Ort ist.“

Organisiert wird das Festival vom deutschen Förderverein Interkultur, der unter anderem alle zwei Jahre den Internationalen Johannes-Brahms-Chorwettbewerb und Festival in Wernigerode veranstaltet. Dann folgt für Peter Habermann die Steigerung zur Jurorentätigkeit: Er ist nächstes Jahr künstlerischer Leiter des Festivals.