Zerbst | Faszinierend, einzigartig, bedeutsam – das sind die Worte, die gestern in der Bartholomäikirche von Zerbst fallen. Sie beziehen sich auf ein großformatiges Leinwandgemälde, das wahrscheinlich um 1565 von Lucas Cranach dem Jüngeren wohl als Altarbild geschaffen wurde und fast völlig in Vergessenheit geraten war.

Das Besondere: In den folgenden Jahrhunderten wurde sein Werk mehrfach im Zuge der konfessionellen Veränderungen übermalt, was es zu einem „komplizierten Fall“ machte, wie es Dr. Karoline Danz, Sachgebietsleiterin Restaurierung beim Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, formulierte.

Für Grit Jehmlich wiederum stellte das Bild eine „sehr interessante“ Herausforderung dar. Sie restaurierte das fragmentarisch erhaltene Ölgemälde, dessen Sichtfenster deutlich die religiösen Wandlungsprozesse im Fürstentum Anhalt widerspiegeln.

Im Originalzustand vermutlich rechteckig zeigt das heute halbrund abschließende Gemälde den Stifter Fürst Wolfgang (1492-1566) gemeinsam mit seinem Vetter Joachim (1509-1561) betend dem Kirchenraum zugewandt. Im Hintergrund war die Heilige Dreifaltigkeit bestehend aus Gottvater, Jesus Christus und dem Heiligen Geist dargestellt. Verdeckt wird diese mit der Verbreitung des Calvinismus, der auch in Zerbst seine Anhänger findet. Ist es in der lutherisch geprägten reformatorischen Bewegung nicht unüblich Gott darzustellen, ist es bei den calvinistischen Strömungen verpönt.

Wann genau die dunkelgrünen Vorhänge eingefügt wurden, lässt sich nicht genau sagen, nur eine grobe Datierung zwischen 1596 und 1699 ist möglich. Fest steht, dass das Gemälde im 19. Jahrhundert, als Anhalt wieder lutherisch wurde, letztmalig sein Motiv änderte. Der Hofmaler Beck stellte den Opfertod Christi symbolisch dar, indem er einen Altar mit leerem Kreuz, Abendmahlsgerät und eine Bibel mit den Einsetzungsworten nach Matthäus ins Zentrum des Bildes stellte.

Zum bewegten Schicksal des Gemäldes gehört ebenfalls, dass es fast völlig in Vergessenheit geraten war. Vermutete man zunächst, dass es den Brand von St. Bartholomäi nach dem Luftangriff auf Zerbst im April 1945 nicht überstanden hatte, wurde es 1954 wiederentdeckt. Durch den Kunsthistoriker Dr. Werner Schade gelangte das Werk ins Institut für Denkmalpflege nach Halle.

„Es war stark verschmutzt. Die Leinwand hing in Fetzen“, beschreibt Dr. Danz den sehr schlechten Zustand des Bildes. Zunächst wurde dort die marode Leinwand auf eine Hartfaserplatte aufgezogen. Nachdem Röntgenaufnahmen Teile der ursprünglichen Abbildung zeigten, wurde mit der Entfernung der Übermalungen und Retuschen an freigelegten Bildteilen begonnen. Spätestens im Sommer 1962 brachen die Arbeiten ab – trotz mehrfacher Nachfragen tat sich nichts. Stattdessen landete das Werk im Depot des späteren Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie in Halle.

Restaurationsversuche nach der Wende scheiterten an der Finanzierung, wie Karoline Danz ausführt. „Zum Glück kam dann das Cranachjubiläum“, bemerkt sie. Mit einer Landesausstellung würdigte Sachsen-Anhalt in diesem Jahr den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Im Zuge dessen wurden Gelder frei, um den Zerbster „Gnadenstuhl“ zu restaurieren. Gleichzeitig erhielt das Gemälde einen neuen schwarzen Rahmen mit vergoldetem Profil.

Vor allem ist es nun nach über fünf Jahrzehnten wieder an seinen angestammten Platz in der früheren Hof- und Stiftskirche St. Bartholomäi zurückgekehrt. „Es ist wichtig, dass Bilder dahin kommen, wohin sie gehören“, sagt Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) am Montag bei der offiziellen Wiederenthüllung des Gemäldes. Dieses befindet sich nun vorerst unweit seines einstigen Standortes über dem Altar der jetzigen Winterkirche. Im Gegensatz zum Chorraum passen hier die klimatischen Bedingungen besser, wie Pfarrer Albrecht Lindemann ausführt.

Das Cranachgemälde in der Zerbster Bartholomäikirche kann zu den Gottesdiensten und Veranstaltungen sowie nach telefonischer Voranmeldung unter 03923/785966 (Montag bis Freitag von 10 bis 12 Uhr) besichtigt werden.