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Von Rolf-Dietmar Schmidt Das Leben ist ein Spiel

29.09.2011, 04:24

Es gibt Dinge, die sind unantastbar. Wehe dem, der sich erdreistet, eine solche Sache kritisch zu beleuchten, der muss sich auf mehr als heftigen Gegenwind einrichten. Der Fußball ist so etwas. Es ist ein Sport für Millionen. Die Millionen können sich dabei auf die Zuschauer beziehen, oder aber auf die Fernseheinnahmen in Euro aus Gebührengeldern, oder vielleicht auch auf Bestechungssummen für Spiele, deren Ergebnis von vornherein feststeht. Die Masse der Fans will guten Sport und spannende Spiele, ganz wie die alten Römer, und da passen Störmanöver nicht rein.

Nun kommt so ein 24-jähriger Profifußballer aus Spanien, der nicht nur ein außerordentlich hoffnungsvolles Talent ist, sondern auch noch über sich, seine Rolle im Fußball, ja über den Fußball ganz allgemein nachdenkt. Sein Name ist Javier Poves und er kehrt seinem bisherigen Job nach genau einem Spiel in der spanischen Spitzenliga den Rücken und beendet seine Karriere.

Poves erklärte, angewidert zu sein vom System Profifußball, viel lieber als dem Geld hinterherzu ennen, möchte er in den kommenden Jahren Geschichte studieren und durch die Welt reisen. Außerdem sei es für ihn ethisch nicht vertretbar, so viel Geld zu verdienen, während in Afrika die Menschen an Hunger sterben würden.

Der 24-Jährige kündigte, verzichtete auf den Rest seines Gehaltes und gab auch sein Auto zurück. Ein Nestbeschmutzer, der die Fußballer nur als "Brot-und-Spiele-Ablenker" von den tatsächlichen Problemen sieht? Auch an seinen ehemaligen Kollegen lässt er kein gutes Haar. Denen gehe es nur um Geld und Ansehen, ein Buch, so seine Erfahrung, habe er bei keinem seiner Fußballkollegen je gesehen.

Mag sein, dass es noch andere Gründe für den spektakulären Auftritt gibt, dass die Kritik von Javier Poves sehr pauschal ist. Aber die Reaktion seines Clubs, der ihn, höflich formuliert, als etwas verwirrt bezeichnet, ist nicht minder typisch.

Seltsam, dass ausgerechnet in diesem Fußball-Zusammenhang einem dieser beinahe unheimliche Überschwang der Gefühle vergangener und künftiger "Sommermärchen" einfällt. Ein Märchen ist schließlich lediglich eine Erzählung, die von wundersamen Begebenheiten berichtet und frei erfunden ist. Außerdem sind für Märchen sprechende Tiere, Zaubereien, Hexen und Riesen typisch. Wenn also zu einem Sommermärchen Berühmtheiten aus Königshäusern, Kanzlerämtern oder Spitzenkonzernen Platz nehmen, dann hat das alles nichts mit dem Ursprung des Begriffs Märchen zu tun, und schon gar nicht mit der Kritik eines spanischen Fußballers am System, oder doch?

Wendet man sich von solchen Nebensächlichkeiten ab, um ernsthaft zum Kern der Kritik von Javiar Poves zurückzukommen, dann bleibt auf jeden Fall Nachdenklichkeit. Ein Sport, der die Massen fasziniert, der wie kaum eine andere Auseinandersetzung Nationalgefühle positiv besetzt und damit legalisiert, der enorme Summen von Geld bewegt, die Diskussionen an den Stammtischen prägt und nicht zuletzt Frust und Freude kanalisiert, ist immer in der Gefahr, benutzt zu werden.

Nicht jeder, der sich dem widersetzt, der als Fußballer oder Zuschauer vor allem den sportlichen fairen Wettkampf im Blick hat, muss als Miesmacher vom Platz gestellt werden. Es ist manchmal durchaus hilfreich, die eigene Rolle in diesem Spiel kritisch zu hinterfragen, denn: "Das ganze Leben ist ein Spiel". Und manchmal eben ein Fußballspiel.