München (dpa) l Luise Schilling ist eine Frau, die sich nicht gern sagen lässt, was sie zu denken und zu tun hat. Nicht von ihrem strengen Vater, nicht von ihrem stramm rechten Bruder, nicht von ihrer braven Mutter und auch nicht von dem umschwärmten Bauhaus-Studenten Jakob, in den sie sich verliebt. Luise lebt in einer Zeit, in der von Frauen erwartet wird, dass sie tun, was ihnen gesagt wird. Trotzdem versucht sie, ihren Traum zu leben – darum geht es in Theresia Enzensbergers erstaunlichem Debütroman „Blaupause“.

Erstaunlich, weil man von Theresia Enzensberger (30) bisher wenig gehört hat, auch wenn sie die Tochter von Hans Magnus ist, einem der ganz Großen unter den deutschen Intellektuellen. Erstaunlich auch, weil ihr ein Roman gelungen ist, der vor historischem Hintergrund spielt, aber kein bisschen gestrig wirkt, im Gegenteil.

Zeitgeist der frühen Weimarer Republik

Und weil Theresia Enzensberger mit Luise eine Figur gefunden hat, an der sie das alles glaubhaft erzählen kann: den Zeitgeist in der frühen Weimarer Republik, die Polarisierung der Gesellschaft zwischen rechten Nationalisten und Kommunisten, die Weltflucht politikferner Esoteriker und die Schwierigkeiten von Frauen in einer Welt ernstgenommen zu werden, in der viele Akademiker noch glauben, nur Männer seien intellektuell in der Lage zu studieren.

In gewisser Hinsicht ist „Blaupause“ auch eine Emanzipationsgeschichte. „Frauen konnten wählen, Frauen konnten am Bauhaus studieren – auf dem Papier war alles gut“, sagt Enzensberger. „Das ist ja heute auch so, dass auf dem Papier alles gut ist – und dass es trotzdem immer noch Probleme gibt, im Alltag, im Kleinen und im nicht so Kleinen. Das fand ich schon interessant.“

Traum vom Architektenberuf

Ein historisches Vorbild habe es für Luise nicht gegeben, sagt die Autorin. „Das ist eine rein fiktive Figur.“ Und auch keine, mit der sich Enzensberger komplett identifiziert: „Sie ist mir manchmal schon auf die Nerven gegangen, sie ist ein bisschen naiv.“ Auch Luises heiliger Ernst sei ihr selbst eher fremd.

Luises Traum ist, Architektin zu werden und nicht einfach nur Ehegattin in Charlottenburg, wo ihr Papa ein wohlhabender Unternehmer ist. Und so klopft sie im ersten Kapitel des Romans an die Tür des Direktorenzimmers im Bauhaus, zeigt Walter Gropius, dessen legendären Gründer, ihre Mappe, bekommt tatsächlich einen Studienplatz und ist bald danach mitten drin im Weimarer Studentenleben.

Walter Gropius ist in der Architektur der Zeit an der Spitze der Avantgarde. Und das Bauhaus ist das auch. Luise lernt dort schnell pragmatische Studenten wie Maria kennen, die in der Weberei arbeitet und für die Kunst und Handwerk kein Widerspruch sind. Aber auch esoterische Zeitgenossen um den Bauhaus-Meister Johannes Itten, Anhänger der Mazdaznan-Lehre, die Kutten tragen, sich vegetarisch ernähren und auf regelmäßige Atemübungen großen Wert legen. Luise sieht die Esoteriker zunehmend kritisch – macht aber auch mit Walter Gropius unangenehme Erfahrungen.

Keine Spur von später Rache

Die Schlusspointe erzählt Theresia Enzensberger wie nebenbei, in einem Brief, den Luise aus New York an Maria schreibt, und in einem Tagebucheintrag: Luise arbeitet mehr als 30 Jahre später im New York City Department of Buildings. Und eines Tages bekommt ausgerechnet sie den Auftrag, die Pläne für das Pan-Am-Gebäude zu begutachten, das erste Hochhaus, das Gropius in den USA entworfen hat. Eine Chance, ihm das ein oder andere heimzuzahlen – sie nutzt sie nicht. Es reiche schon, es verhindern zu können, sagt Theresia Enzensberger. „Dann muss man gar keine Rache mehr nehmen, es ist Rache genug, dass man in dieser Position ist.“

Theresia Enzensberger: Blaupause, Carl Hanser Verlag München, 256 Seiten, 22 Euro