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Duda Paiva gastiert mit "Bastard" in Magdeburg Der mit den Unberührbaren tanzt

24.06.2011, 04:35

Duda Paiva ist ein Puppenspieler, der in der Inszenierung "Bastard" mit den Unberührbaren tanzt. Am Mittwoch war Paiva zum Figurentheaterfestival im Opernhaus zu Gast. Puppe und Mensch wurden eins.

Von Caroline Vongries

Magdeburg. Was, wenn man morgens unversehens in einem Meer bunter Plastiktüten auf einer Müllhalde aufwacht? Für den Partygänger im Designeranzug ist der Alptraum vom sozialen Abstieg wahr geworden.

Einem mondän singenden, Sekt saufenden Pferd zu begegnen, mag ja noch zum Wiehern sein, doch der Spaß hört auf, wenn hinter einem Müllhaufen leibhaftig die Verlierer unserer Gesellschaft auftauchen, erst die Frau ohne Beine, Clementine, eine abgewrackte Primaballerina, dann ihr Gefährte, Bastard, beides halbnackte, groteske Kreaturen mit reichlich herabhängenden Hautfalten und Hoffnungen, fiebrig glühenden Augen. Nichts wie weg, denkt sich der Held, doch leider gibt es keinen Notausgang. Und kichernd erklärt die wippende Alte dem entsetzten Neuankömmling, dass er erst zwei Aufgaben lösen muss: ihr helfen, ihre Katze zu finden und für einen ordentlichen heißen Tee sorgen.

Kaum zu glauben, dass es nur ein einziger Mensch aus Fleisch und Blut ist, der hier auf der Bühne agiert und allem weiteren Personal seinen Atem einhaucht. Duda Paiva, geboren in Brasilien, seit 1996 in Holland ansässig, Gründer der gleichnamigen Compagnie, ist nicht nur ein begnadeter Tänzer, sondern ebenso ein inspirierter Puppenspieler. Aus dem Tanz und dem Zwiegespräch mit seinen lebensgroßen, vollelastischen Schaumgummigeschöpfen, in dem manch ein Stöhnen, Schluchzen, Kieksen aufschlussreicher als Worte ist, hat er in den vergangenen Jahren eine intensive, vielschichtige Kunstform geschaffen, mit der er mittlerweile weltweit Beachtung findet.

Derweil erweist sich die Müllgesellschaft als brutal. Es gibt keine Moral, Sakko, Krawatte, sogar die Brille werden dem neuen Absteiger genommen. Verzweifelt sucht er die Katze, wird mehr und mehr selbst zum Tier, erhält einen Schlag auf den Kopf, vervielfältigt sich in Leinwandprojektionen. Die Alte lockt und bettelt um etwas Liebe. Das intime Spiel zwischen Mensch und Puppe entwickelt eine eigene unvorhersehbare Dynamik. Erst Ekel und Widerwille, Verzweiflung und Ablehnung, dann entstehen zerbrechliche, unvermutet zärtliche Momente. Puppe und Mensch werden eins, eine Art postmodernes Fabelwesen.

Zu zweit unterm Rock der alten Tänzerin sind es seine Beine, die ihre Erinnerungen an eine glanzvolle Vergangenheit lebendig werden lassen. Da gewinnt sie plötzlich Würde, die alte Clementine.

Der Mann, mittlerweile selbst halbnackt, bricht die Tabus, wendet sich dem Hässlichen, Verwahrlosten, Ungeliebten, unserer Kaste der Unberührbaren, zu. Mit Haut und Haaren. Er streicht auch dem Alten, Bastard, über den hängenden Bauch und holt aus dessen Leib ein schwarzes Etwas hervor. Das Knäuel entpuppt sich als die vermisste Katze. Und der Körper der Alten gebiert mitten im Liebesakt einen überdimensionalen Teepott samt zweier Teetassen. Das ist bizarr, im Augenblick selbst komisch, alles in allem hinterlässt es ein wehes Gefühl.

Der moderne Märchenprinz hat seine Aufgaben erfüllt. Zur Prinzessin wird Clementine nicht, doch will sie ihm jetzt den Weg hinaus verraten. Er aber legt ihr sanft den Finger auf den Mund und sagt: "Ich weiß es schon." Er ist (ein anderer) Mensch geworden.

Duda Paivas eigener Traum ist ein ganzes Ensemble von puppenspielenden Tänzern, tanzenden Puppenspielern. Man wünscht ihm und uns allen, dass das wahr wird.