Interview mit dem türkischen Kabarettisten Sinasi Dikmen: "Beide Nationen können voneinander lernen" "Die Deutschen und der Islam passen gut zusammen"
Sinasi Dikmen gilt als Pionier des türkischen Kabaretts in deutscher Sprache. Seit 1972 lebt er in Deutschland, in Frankfurt am Main betreibt er sein eigenes Kabarett, "Die KÄS". Vor seinem Gastspiel in der Magdeburger Zwickmühle sprach F.-René Braune mit dem Kabarettisten.
Volksstimme: Sie gelten als der erste Kabarettist, der eine türkische Sichtweise in die deutsche Satireszene eingebracht hat. Heute nehmen solche Themen ebenso wie Landsleute von ihnen im Kabarett und mehr noch in der Comedy einen breiten Raum ein. Empfinden Sie so etwas wie Stolz, ein Pionier zu sein?
Sinasi Dikmen: Nein, ich hab\' ja nichts anderes gemacht, als meine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Ich habe Glück gehabt, und das verdanke ich auch Dieter Hildebrandt, der mich in den "Scheibenwischer" eingeladen und damit meinen Bekanntheitsgrad gefördert hat. Es kam gut an, dass sich plötzlich ein Türke über Deutschland und sich selbst lustig macht. Das ist viele Jahre her, hat meine Entwicklung aber stark beeinflusst. Aber stolz bin ich deswegen nicht, das war Christoph Kolumbus bestimmt auch nicht. Ich hoffe allerdings schon, mit meinen Büchern und Programmen ein paar neue Sichtweisen geöffnet zu haben. Und zwar deutsche auf die Türken und umgekehrt.
Volksstimme: Apropos Sichtweisen - Sie haben in einem ihrer Bücher geschrieben, dass der Deutsche den Schmerz braucht wie die Luft zum Atmen. Haben wir hierzulande zu wenig Lebensfreude oder Lebenslust?
"Der Türke fühlt sich am wohlsten, wenn ihm etwas weh tut."
Dikmen: Das nicht, aber ich habe den Eindruck, dass die Deutschen ständig jammern, und ich habe nie verstanden, warum. Wenn zwei Tage die Sonne scheint, ist das zu viel Sonne, wenn das Wetter lauwarm ist, dann ist das für die Deutschen meist zu lauwarm. Ich bin seit 40 Jahren in Deutschland, und seit 40 Jahren jammern die Deutschen über die schlechte Wirtschaftslage. Dabei sind sie Export- und Reiseweltmeister. Ich glaube, dass die Deutschen Spaß am Jammern haben. Der Türke fühlt sich beispielsweise am wohlsten, wenn ihm irgend etwas weh tut, weil er dann merkt, dass er lebt.
Volksstimme: Haben Sie andere Eigenschaften kennengelernt, die Sie für typisch deutsch halten?
Dikmen: Alles in Ordnung zu bringen, sich viel Mühe zu geben, seine Sache richtig zu machen. Und natürlich die Reiselust, der Wunsch, etwas Neues zu entdecken.
Volksstimme: Wobei die Deutschen aber auch als ziemlich arrogant im Ausland wahrgenommen werden ...
Dikmen: Die Engländer sind viel schlimmer. Und die Amerikaner nehmen sowieso auf niemanden Rücksicht. Die Deutschen habe ich immer als neugierig und Rücksicht nehmend auf die Einheimischen erlebt. Ganz anders als die Amerikaner und Engländer.
Volksstimme: Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Unterschiede zwischen Deutschen und Türken? Gibt es Dinge, die unvereinbar sind?
Dikmen: Natürlich machen die Religionen einen Unterschied aus, aber die halte ich nicht für unvereinbar. Wie ich schon sagte, sind die Deutschen neugierig, die Türken eher in sich geschlossen. Die Deutschen haben vor 40 Jahren Minderwertigkeitskomplexe gehabt, glauben aber inzwischen wieder an sich. Die Türken haben diesen Weg noch vor sich. Was ihnen dabei helfen kann, sind Türken, die in Deutschland aufgewachsen sind und in die Türkei zurückkehren. Solche deutschen Erfahrungen könnten die türkische Mentalität voranbringen. Die Türken sind auch viel nationalistischer als die Deutschen. Außerdem gibt es in der Türkei im Bühnenbereich unwahrscheinlich viele Verbote - über Mohammed darf man nichts sagen, über Attatürk nicht, über den Staat oder Generäle nichts.
Volksstimme: Kann man Türke sein, ohne an den Islam zu glauben?
Dikmen: Nein. Obwohl - es gibt ja auch religiöse Minderheiten in der Türkei. Ich glaube aber nicht, dass ein Türke, der Atheist ist, das propagieren würde. In Deutschland ist das kein Problem - viele meiner Freunde sind nicht religiös und bekennen sich völlig problemlos dazu. Das hat damit zu tun, dass die Religion in Deutschland vielleicht weniger Glaubensrichtung und eher kulturell geworden ist. In Deutschland will jeder Weihnachten feiern, aber nicht alle interessieren sich dafür, ob an diesem Tag jemand geboren wurde. Übrigens passen die deutsche Mentalität und der Islam sehr gut zusammen ...
"Ich bin von allein gekommen, aber viele wurden angeworben."
Volksstimme: Das müssen Sie erklären ...
Dikmen: Der Islam ist eine sehr disziplinierte Religion. Und das ist der Deutsche auch. Der Islam organisiert alles, der Deutsche auch. Es gibt keinen Bereich des Lebens, in dem Allah nichts zu sagen und zu regeln hat. So ist der Deutsche auch.
Volksstimme: Wenn man so lange in Deutschland lebt wie Sie, wird man dann assimiliert oder behält man seine Wurzeln, seine Identität?
Dikmen: Man lernt, seine Mitbringsel zu konservieren. Aber diese Konservendose hat viele Löcher und ist sehr durchlässig. Viele meiner Landsleute in Deutschland verputzen diese Dose, um den Inhalt festzuhalten, das nennt man dann Heimat.
Volksstimme: Würden Sie sich als Türken oder als Deutscher bezeichnen?
Dikmen: Ich bin ein Europäer. Auch in meiner Glaubensrichtung. Ich habe von Deutschland viel genommen, beispielsweise von der Kultur, aber ich glaube auch, Deutschland etwas gegeben zu haben. Ich schieße satirisch sehr gern auf Griechen, auf Türken, auf Kurden und Deutsche, weil jeder ein Stück von mir ist.
Volksstimme: Wie denken Sie über die viel diskutrierte Integration - haben Deutsche und Türken genug Verständnis füreinander oder dominieren immer noch Vorurteile?
Dikmen: Ich glaube, dass der deutsche Staat sich nicht sehr intensiv um die türkischen Gastarbeiter gekümmert hat, die er nach Deutschland geholt hat. Ich bin von allein gekommen, aber viele wurden angeworben. Von ein paar Wohlfahrtsorganisationen abgesehen, hat es zu wenig Integrationsbemühungen gegeben. Die Gesellschaft war nicht bereit, diese Ausländer wirklich anzunehmen - das ist mein Eindruck. Sehen Sie - ich habe mein eigenes Theater in Frankfurt am Main gegründet, aber mir hat noch keine deutsche Institution das Gefühl gegeben, dass ich zu dieser Gesellschaft gehöre. Das vermisse ich. Einer aktuellen Umfrage zufolge fühlen sich 90 Prozent der Türken in Deutschland wohl, die Mehrheit ist also bereit, sich zu integrieren. Ich habe aber das Gefühl, das die Mehrheit der Deutschen dafür nicht bereit ist.
Volksstimme: Woher kommt dieses Gefühl?
Dikmen: Beispielsweise von einem Buch, das ein Bankier namens Sarrazin geschrieben hat, und der Tatsache, dass dieses Buch von rund 1,5 Millionen Menschen gekauft wurde. Es geht doch nur darum, Angst zu schüren. Was ihre Frage nach den Vorurteilen angeht, glaube ich, dass die Deutschen viel mehr Vorurteile gegenüber den Türken haben als umgekehrt. Das liegt daran, dass die Türken in der deutschen Gesellschaft leben und die Deutschen im Hörensagen über die Türken. Wenn ein Mann seine Frau schlägt, hat das nichts mit Religion zu tun, sondern damit, dass er ein übler Macho ist.
"Natürlich habe ich die Hoffnung, etwas zu bewirken."
Volksstimme: Haben Sie das Gefühl, mit ihren Büchern und Programmen ein wenig zur Völkerverständigung beizutragen?
Dikmen: Deutschland ist heute viel multikultureller als in den 70er Jahren. Es ist heute völlig normal zum Chinesen, Italiener, Türken, Inder oder Thailänder essen zu gehen. Das löst zwar nicht zwangsläufig Toleranz aus, bringt aber mehr Offenheit mit sich. Und je mehr Türken auf die Bühne gehen, desto mehr Verständnis wird geweckt, so gesehen habe ich natürlich die Hoffnung, etwas zu bewirken.
Volksstimme: Was können Türken und Deutsche voneinander lernen?
Dikmen: Der Deutsche kann vom Türken Gastfreundschaft lernen. Der Türke vom Deutschen offen seine Meinung zu sagen.
Volksstimme: Kommt es vor, dass Sie mit dem, was Sie sagen, Missfallen auf beiden Seiten erregen?
Dikmen: Natürlich. Aber das ist nun mal mein Beruf, und den übe ich wirklich sehr gern aus.