Emma Kirkby und London Baroque begeistern das Publikum mit Musik des 17. Jahrhunderts Die Kostbarkeit des Augenblicks genießen
Mit Emma Kirkby und dem Ensemble London Baroque haben am Sonnabend wahre Meister der Barockmusik im Magdeburger Dom gastiert.
Magdeburg. l Ungewohnt belebt ist der Kreuzgang für diese abendliche Stunde. Durch die Arkaden hindurch wird der Vollmond sichtbar, der über der Stadt steht. Im Dom, genauer in der Winterkirche, geben sich die britischen Altmeister der Barockmusik ein Stelldichein.
Vom ersten Augenblick an geht es beim Konzert mit London Baroque im Remter äußerst lebhaft zu. Mit Corellis Triosonate in G-Dur wird die Musik des 17. Jahrhunderts sofort hellwach, in ein angeregtes Gespräch verwickelt, das sich im Verlauf des Abends noch steigern wird. Ein Strömen von Tönen, das Musiker und Zuhörer bis jenseits der Jahrhunderte trägt.
Dass die beiden Ensemblegründer Charles Medlam (Cello und Viola da Gamba) und Ingrid Seifert (Violine) ebenso wie Richard Gwilt (Violine) seit mehr als 30 Jahren die Musikgeschichte in ihrem Fach entscheidend mitgeschrieben haben, ist sofort spürbar: So kommunikativ und kenntnisreich wird aufgespielt, umrankt sich gerade das Spiel der beiden Geigen, einer aus dem anderen scheinen die Klänge hervorzuwachsen und aufzublühen.
Steven Devine am Cembalo, Schüler von John Toll, entstammt bereits der nächsten Virtuosengeneration und legt dazu einen verlässlichen (und frohgemuten) Boden. Ist dieses überaus sensible Zusammenspiel - ein Miteinanderteilen der Musik - bereits für sich genommen ein Hochgenuss, so erwartet das zuguterletzt zahlreich erschienene Publikum doch gespannt den Auftritt der Sopranistin.
Emma Kirkby, Pionierin des Barockgesangs, lehnt bereits an einer hinteren Säule. Unauffällig geht sie den langen Weg bis zur Bühne, eine Meisterin des Sicheinfügens in den Moment. Diese Fähigkeit, Unaufdringlichkeit, Bescheidenheit ist ein wesentliches Merkmal ihrer großen Kunst. Ihre Stimme vermag es, sich einzuschmiegen, verwebt sich mit großer Selbstverständlichkeit in den Gesang der Instrumente, in den Raum, dessen Akustik dafür allerdings fast etwas zu trocken erscheint.
Im ersten Teil des Konzertes bleibt die Grande Dame, die bereits ganze Generationen von Zuhörern verzaubert hat, zu Buxtehude und Händel noch ein wenig verhalten.
An einigen Stellen wird auch deutlich, dass die Flexibilität einer jungen Stimme jenseits der 60 nicht mehr in vollem Umfang möglich ist. Und doch ist das ganz egal. Denn diese Stimme ist schlank und schön, hat keine Schnörkel nötig und ergreift gerade dort, wo sie ihrer Ausdruckskraft und Reife voll vertraut.
Nach der Pause gelingt es den italienischen Komponisten Giacomo Carissime und seinem Schüler Alessandro Scarlatti, die Britin dann aus der Reserve zu locken und zu der Tiefe zu verführen, die ihr angemessen ist. Gleichermaßen herzzerreißend und tröstend ist die Weihnachtsarie "Salve Puellele", die den gerade geborenen Jesus jenseits der üblichen Idylle, auch mal weinend, vor Kälte zitternd und letztlich doch beschützt zeigt.
Kein Zweifel, Kirkby liebt diese Musik und auch die nachfolgende Kantate "Non so qual m\'ingombra" (Ich weiß nicht, was mich mehr als sonst überwältigt).
Einfach atemberaubend dazwischen: Bachs Triosonate Nr. 6 G-Dur aus den Händen des London Baroque.
Im 17. Jahrhundert und den folgenden Jahrzehnten steht der Sinn für das Ganze im Vordergrund, das literarische und musikalische Erleben der Zeit ist geprägt durch die Katastrophe des Dreißigjährgen Krieges, der erst 1648 endet.
Und gerade aus der erfahrenen Allgegenwart des Todes kann ein Bewusstsein für die Kostbarkeit des Augenblicks erwachsen. Unvermeidlich, dass es gerade an diesem Ort, hier im Magdeburger Dom, Gedanken an das Jahr 1631 hervorspült. Diese Zerbrechlichkeit des Lebens leuchtet an einigen Stellen aus Emma Kirkbys verinnerlichter Gesangsweise auf. Und dann macht diese Musik irgendwie glücklich, sie spielt im Kopf einfach weiter, auf dem Nachhauseweg und auch am nächsten Tag noch ...
Wer nicht genug davon bekommen kann: Morgen ist die Formation noch einmal im Schloss in Köthen zu erleben.