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Vier Ausstellungsorte zeigen den "eisernen Harz" Die Schönheit des Kunstgusses in ihrer filigranen Vielfalt

13.10.2010, 04:14

Gegossenes Eisen hat ganz eigenen Reiz. Aber Anschauung und Wirkungsgeschichte sind in Vergessenheit geraten. Nun holt die Ausstellung "Der eiserne Harz. Harzer Eisenkunstguss des 19. Jahrhunderts" auf Schloss Wernigerode, im Hüttenmuseum Ilsenburg, in Clausthal-Zellerfeld und Bad Lauterberg die Gießerkunst zurück ins öffentliche Bewusstsein.

Von Hans Walter

Wernigerode. In der Ilsenburger Fürst-Stolberg-Hütte gelang nach 1869 eine kleine Sensation: Hütteninspektor Eduard Schott modellierte in Hildesheim das ein Jahr zuvor aufgefundene Silbergeschirr aus der römischen Kaiserzeit und ließ es gießen. Die Oberflächen des feinen Eisenkunstgusses erhielten eine Silberauflage und muten so schön wie die Originale an. Im Frühlingsbau von Schloss Wernigerode hat es einen prominenten Ausstellungsplatz gefunden.

Auch die Ausstellung selber ist in ihrer Gesamtheit eine Sensation. Hier wird das im Harz an zehn Standorten traditionelle Kunsthandwerk erstmals in großem Umfang wieder präsentiert, eingeordnet in internationale und deutsche technologische Großtaten und Entwicklungen. Das vergessene Eisen wird in Kunst, Bauguss, Maschinenbau und Architektur gezeigt. Allein die Wernigeröder Exposition hat 25 Leihgeber aus ganz Deutschland. Es ist wohl nicht zu hoch gegriffen zu behaupten, dass von der Schau eine Renaissance des Kunstgusses ausgehen wird – zumindest, was die Sichtweise auf das bis heute nicht wieder erreichte Können der Modelleure, Gießer und Künstler anbetrifft. Insgesamt sind fast 450 Exponate zu sehen.

Das ist zuvörderst das Verdienst von Dr. Christian Juranek, dem Direktor des Schlossmuseums. Er beschäftigte sich rund drei Jahre mit der Vorarbeit, koordinierte die wissenschaftliche Aufarbeitung von gut einem Dutzend Historikern.

Wernigerode zeigt die Vielfalt des Kunstgusses wie die Vielfalt der Produzenten mit Kunstwerken aus Harzgerode, Ilsenburg, Mägdesprung, Rübeland und Wernigerode beispielsweise.

Markante Bauwerke geraten ins Blickfeld

Das Abendmahl nach Leonardi da Vinci ist als Relief ebenso zu bewundern wie die Statuetten der Blumengöttin Flora oder eines höfisch kostümierten Hugenotten. Die anhaltischen Herrscher, wie Fürst Leopold I., der "Alte Dessauer", fehlen ebensowenig wie Napoleon, Bismarck und Moltke, dargestellt auf Tellern, Büsten, Statuetten oder Wappenschilden.

Immer wieder geraten Deutschlands markante Bauwerke ins Blickfeld – das Josephskreuz bei Stolberg, die Marienburg an der Weichsel, das Brockenhaus, das Wernigeröder Schloss.

Allegorien nehmen einen bedeutenden Platz ein – mit der Minervaschale oder dem Wandteller "Der Friede" etwa. Auch in Briefbeschwerern oder sogenannten Kaminstücken findet sich Fabelhaftes, wie "Reineke Fuchs" nach Stichen von Wilhelm von Kaulbach.

Unglaublich, wie hier die Übertragung vom Bild zur Plastik vonstatten geht, von den Modelleuren in kleinste, filigranste Gusseisenteile von gerade mal einem Millimeter Durchmesser übersetzt.

Am Beispiel der Lüder-Gießhütte in Wernigerode kann man verfolgen, welche praktischen Einsatzgebiete das Eisen in Form von Briefkastenschlitzen, Streichholz- und Schlüsselhaltern, Visitenkartenschalen, Spiegeln, Garderoben oder Weihnachtsbaumständern er- oberte.

Die Schau in Wernigerode führt auch in Grenzbereiche der Formgestaltung. Ob kleine Kästchen oder große Wandschränke ganz aus Eisen – sie sind verziert mit sonst gedrechselten, geschnitzten oder getischlerten Schmuckformen. Aber das Material ist bei den Schränken zur absoluten Perfektion gebracht worden durch Kombination mit edlen Hölzern und Versilberung. Eine Sonderform sind Öfen in Form von Ritterrüstungen – hier hat sich die Form am weitesten von der Funktion entfernt. Die Gartenmöbel dagegen erweisen ihre ästhetische Funktionalität. Bis heute werden sie in der Ilsenburger Fürst-Stolberg-Hütte gefertigt.

Die Formensprache des Jugendstils

Das Hüttenmuseum Ilsenburg schließlich präsentiert in einer schönen Schau von Karin Kettner rund 80 Arbeiten, die im Wesentlichen zu Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden. Sie zeigen mit hohem Reiz, wie durch den Jugendstil die Ilsenburger Hütte ein letztes Mal durch die Vorlagen bedeutender Künstler wie Alfons Mucha und Albin Müller und Modelleure wie Ferdinand Schneevoigt zur Blüte und europäischen Geltung geführt wurde.

Keine Spur von künstlerischer Provinz! Hier geht es direkten Weges zur Formensprache des Jugendstils – sowohl bei den Tierplastiken wie bei den floralen Motiven in Schreibschalen, Notenständern, Tischen oder Lampen. Die Hütte stellte zur Weltausstellung 1904 in St. Louis sogar ein Herrenzimmer ganz in Eisen mit ausgeprägter Jugendstilmotivik vor.

Wer darüber hinaus nicht nur in der Sonderausstellung zur letzten Blüte, sondern zu den Wurzeln des Kunstgusses finden möchte, ist in Ilsenburg auch richtig: Die Museumstreppe und die ausgestellten Ofenplatten geleiten ihn.