Romanklassiker in einer Inszenierung von Jan Jochymski auf der Bühne des Schauspielhauses Magdeburg Dostojewskis "Spieler" im Zeitalter der Zocker
Magdeburg. Es ist eine heillose, brutale Welt, die Schauspieldirektor Jan Jochymski seiner Version von Dostojewskis "Spieler" zugrunde legt. Im Zeitalter der Zocker, globaler und europäischer Finanzkrise(n) zwingt er dem Romanklassiker neue Lesarten ab, verbunden mit der bangen Frage, ob das Schreiben helfen kann, die Süchte und Obsessionen des Autors zu bannen und damit das eigene Leben zu retten?
Treibende Rhythmen eröffnen die Szene, atemlos, hart. In aberwitziger, schon gespenstischer Gegensätzlichkeit dazu erscheinen die Figuren des Stücks auf der Bühne. Wie in Trance, in Zeitlupe eilen sie auf das gemeinsame Ziel ihrer Begierde zu: den Roulettetisch am linken vorderen Bühnenrand, um kurz davor von einer plötzlichen Starre befallen zu werden. Und wenn die Kugel nach dem "Rien ne va plus" endlich gefallen ist, klatschen abrupt selbst verabreichte Ohrfeigen auf die Wangen der Verlierer, bis diese glühen. Wieder und wieder trifft es mal diesen, mal jene. Die gnadenlose (Selbst-)Zerstörung der auf (Spiel- und Sex-)Sucht sowie (Geld-)Gier gegründeten Existenz, sie durchzieht in unendlichen, stellenweise unerträglichen Variationen als beherrschendes Thema diese Inszenierung, rücksichtlos, enthemmend, menschlich entwürdigend, weder Schmerz- und Schamgrenzen der Figuren, der Schauspieler, noch der Zuschauer achtend. Wer sich emotional darauf einlässt, kann - bei aller Ironie, allem Witz und der immensen Spielfreude, die die Inszenierung auch bietet - nur beklommen nach Hause gehen.
In maximal vier Wochen, unter dem Druck immenser Schulden, verzweifelt und rauschhaft hat Dostojewski seinen bekannten Roman heruntergeschrieben bzw. diktiert. Eine markante Situation in der Biografie des russischen Schriftstellers, der zu diesem Zeitpunkt nach sibirischer Katorka (Zwangsarbeit) und erzwungenem Militärdienst den plötzlichen Tod von Bruder, Freund und seiner ersten Frau zu verarbeiten hatte, selbst der krankhaften Spielleidenschaft und einer unglücklichen "amour fou" verfallen war. 1865, ein Jahr vor Erscheinen des Romans, hatte er in Wiesbaden seine gesamte Reisekasse verspielt. Und der Roman war bereits an den Verleger verpfändet, noch bevor ein einziges Wort auf dem Papier stand.
Diese dramatischen Verflechtungen zwischen Autor und Werk bringt Jan Jochymski auf die Bühne und fügt der zwar meisterhaft erzählten, doch der Psychologie ihrer Personen wenig Spielraum bietenden Vorlage eigene Fragen hinzu. Er treibt den unverbesserlichen Spieler, Aleksej (eindrucksvoll, leidenschaftlich bis zum körperlichen Exzess sich verausgabend Bastian Reiber), in den ultimativen Showdown mit dem Autor Fjodor Dostojewski selbst (im Kampf mit den inneren Dämonen: Sebastian Reck). "Er oder du" hatte Dostojewskis ebenfalls mitspielende Stenotypistin, seine spätere Ehefrau Anna (Julia Schubert zusätzlich als Madame Blanche in ihrer Doppelrolle vielfach gefordert), die Situation und ihre Sicht des lebensrettenden Potenzials von Literatur auf den Punkt gebracht. Nur widerwillig willigt der Autor ein, nur um zu erleben, dass sich seine Figur Aleksej vehement gegen ihn erhebt, ihn niederschlägt, würgt, ihm das Notizbuch ins Gesicht wirft und ums eigene Überleben kämpfend drohend fordert: "Schreib es um!"
Fast scheint Aleksej der Dreh zu gelingen, erringt er doch endlich die lang ersehnte Liebe Polinas (in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit zwischen mörderischer Kaltblütigkeit und Zerbrechlichkeit grandios verkörpert von Luise Andersch), doch er rennt sofort ins Casino, gewinnt dort endlich, von der Leidenschaft beflügelt, eine ganze Nacht lang und verliert zugleich die zutiefst verletzte Geliebte.
Es gibt viele Verlierer in diesem Spiel. Nicht nur der menschlich völlig zerrüttete General (immer wieder überzeugend Peter Wittig), der windige Geschäftsmann De Grieux (Konstantin Marsch) und sogar die anfangs so siegreiche "Babuschka" Antonida Wassilijewna Tarasewitscha, die Großtante (publikumswirksam auf den Punkt gebracht von Andreas Guglielmetti), mit deren kühnen Einsätzen der Zuschauer regelrecht mitfiebert. Doch auch sie kriecht schließlich vor der Bank (ein offener Kamin!) auf den Knien, wo das Geld der Menschen "verbrannt" wird.
Nein, es ist nicht die Literatur allein, die aus Abhängigkeiten retten kann. Es braucht zumindest einen Menschen, der den Abgründen standhält. Wie Anna. Doch wie schafft das diese Frau?
Im wirklichen Leben haben Anna und Fjodor Dostojewski geheiratet, Kinder bekommen. Noch vier harte Jahre waren durchzustehen, in denen der Autor mehrfach das letzte Kleid seiner Frau, sogar beider Eheringe verpfändete, bis er 1871 zum letzten Mal den Fuß in ein Spielcasino setzte.