1. Startseite
  2. >
  3. Kultur
  4. >
  5. Drei zarte Bräute sollen geopfert werden

Premiere für "Der Vampyr" von Heinrich Marschner am Nordharzer Städtebundtheater Drei zarte Bräute sollen geopfert werden

Von Hans Walter 29.10.2012, 01:33

Halberstadts Operngemeinde feierte am Freitag ihr Nordharzer Städtebundtheater für eine großartige Ensembleleistung von Heinrich Marschners "Der Vampyr". Fast elf Minuten stehende Ovationen bei vollem Haus!

Halberstadt l Der "Vampyr" in dieser Inszenierung von Hinrich Horstkotte (geboren 1972) ist ein Gesamtkunstwerk. Schon zur Pause gab es drei Minuten Applaus. Dabei sind der Komponist Heinrich Marschner und das Libretto seines Schwagers Wilhelm August Wohlbrück fast in Vergessenheit geraten. In den letzten 25 Jahren wurde die Oper höchstens zehnmal in Deutschland inszeniert. Aber wer einmal das Blut des "Vampyrs" geleckt hat, kommt wohl davon nicht mehr los, wie Chefdramaturgin Susanne Range, die das Werk schon 1998 am Opernhaus Halle/Saale herausbrachte.

Marschner (1795-1861) gilt als Vorreiter Carl Maria von Webers und Richard Wagners, er brachte das seit Goethe und Lord Byron literarisch in Mode kommende Vampirthema als erster auf die Opernbühne. Seine Musik changiert zwischen deutscher Liedhaftigkeit und italienischem Belcanto - betörend schön, mit Innigkeit, Witz, Geheimnis.

Ähnlich geheimnisvoll wie in der Wolfsschlucht im "Freischütz" geht es in der Hexen-und Geister-Szene zu. (Die Inspiration zu dieser Musik soll ein Friedhof in Magdeburg geliefert haben.) Lord Ruthven (ausgezeichnet der Bass Juha Koskela) bittet den Meister der Vampire um Verlängerung seines irdischen Daseins. "Sein Begehren sei bewillet, wenn er seinen Schwur erfüllet, wenn bis künf\'tge Mitternacht er drei Opfer uns gebracht. Für drei Bräute zart und rein soll dem Vampir ein Jahr bewilligt sein!"

Für den Verführer Ruthven - ein ähnlich destruktiver Geistesverwandter wie Mozarts Frauenverderber Don Giovanni - scheinbar ein Leichtes. Janthe (Nina Schubert) wird seine erste leichte Beute. Doch er wird von ihrem Vater (Klaus-Uwe Rein) angeschossen und kann ohne Hilfe das rettende Mondlicht nicht mehr erreichen. Sein Freund Aubry (der Tenor Tobias Amadeus Schöner) rettet ihn, muss aber schwören, 24 Stunden das Geheimnis des Vampirs zu bewahren. Ein Wettlauf gegen die Uhr. Nächstes Opfer wird Emmy Blunt (Annabelle Pichler), die Braut von George (Xiaotong Han). Ihre Eltern (zwei komödiantische Gewürzkörner - Klaus-Uwe Rein und Marlies Sturm) sind fassungslos.

Ein Minute vor Mitternacht bricht er das Gelübde

Dann ist Malvina (Bettina Pierags), Aubrys große Liebe, an der Reihe. "Heiter lacht die gold\'ne Frühlingssonne" perlen die Koloraturen, doch ihr Vater, Lord von Davenaut (Gijs Nijkamp), hat sie dem Frauenverführer versprochen. In Verzweiflung bricht Aubry sein Schweigegelübde - eine Minute vor Mitternacht. Der Vampir bricht zusammen. Seine Frist ist abgelaufen. "Dem Ewigen sei Preis und Dank! Ihm schalle unser Lobgesang" jubelt der Chor.

Eine Sternstunde der großen romantischen Oper! Was das Nordharzer Städtebundtheater hier nach nur fünf Wochen Probenzeit leistete, ist in seinen Resultaten wirklich fantastisch. Hinrich Horstkotte und MD Johannes Rieger formten mit dem Ensemble inszenatorisch und musikalisch aus eigener Kraft ohne Gäste einen ganz großen Abend.

Worüber soll man mehr jubilieren? Über die Kunstfiguren und das wandlungsfähige Bühnenbild im Stil Caspar David Friedrichs? Es spielt mit Perspektive und Tiefe eines sakralen Raums. Über den Malsaal, die Werkstätten, die Technik? Über das Lichtdesign? Kühl und düster einerseits, andererseits mit warmem Licht gezeichnet wie alte Gemälde. Über die Akrobatik der getöteten Mädchen in ihren Gräbern? Über die lyrischen wie hochdramatischen Sängertableaus? Ganz großartig! Über die Chöre (Einstudierung: Jan Rozehnal)? Jeder Satz war verständlich und überdies glänzend gespielt; herrlich das Zecherquartett. Über das Orchester und sein feines Spiel? Über kostbare Kostüme, Schuhe, Perücken und typisierende Masken, über die Accessoires? Werthaltigstes Biedermeier - aber immer ironisch gebrochen durch eine an Marionetten erinnernde Figurensprache. Über die Leistung der AnkleiderInnen? Einfach über alles!

Wer diesen "Vampyr" verpasst, bringt sich um ein Glanzlicht der Oper in Sachsen-Anhalt und darüber hinaus!