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Dystopische Zukunft: Warum Frauen hier das Sagen haben

Ob nuklearer Winter, Naturkatastrophe oder hervorgerufen durch Bedrohungen aus dem Weltall - Die Möglichkeit einer dystopischen, trostlosen und lebensfeindlichen Zukunft, dargestellt in Büchern wie "Die Tribute von Panem" oder "Cinder", ist realer als man glaubt. Doch nicht nur die Lebensbedingungen verändern sich, auch das Machtgefüge zwischen Männern und Frauen wird neu ausgewürfelt. Das Ergebnis kann ganz unterschiedlich ausfallen: So gibt es bei "Die Tribute von Panem" eigentlich gar keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern mehr und auch wenn Präsident Snow ein Mann ist, könnte eine Frau problemlos seinen Platz einnehmen. Im Umkehrschluss könnte allerdings auch ein starkes Ungleichgewicht entstehen, wie in der von Margaret Atwood im Jahre 1985 veröffentlichten Novelle "Der Report der Magd" (The Handmaid's Tale). Hier werden die Rechte der Frauen komplett unter den Tisch gekehrt und sie werden zu hauptsächlich sexuellen Sklaven degradiert. Auch hier findet die weibliche Hauptdarstellerin jedoch einen Ausweg aus ihrer Misere und, obwohl das Ende des Buches einigermaßen offen ist, kann man davon ausgehen, dass sich ihre Situation deutlich verbessert hat.

01.12.2015, 08:58

Linh Cinder, Katniss Everdeen, Cassia Reyes und Desfred - Bis auf Letztere, nämlich die Protagonistin des Buches "Der Report der Magd", sind alle starke, weibliche Hauptcharaktere sogenannter "Young Adult"-Romane der letzten Jahre. Bücher, die sich an junge Erwachsene richten. Zwar ist der Markt für Jugendbücher nicht zuletzt durch "Harry Potter" stark gewachsen, den Trend zu dystopischen Romanen mit weiblichen Hauptdarstellern gibt es jedoch erst seit ein paar Jahren. Die bis dato erfolgreichsten Bücher dieser Kategorie sind natürlich "Die Tribute von Panem" von Suzanne Collins. 65 Millionen verkaufte Exemplare für die Büchertrilogie und ein Umsatz von mehr als 800 Millionen Dollar allein für die ersten zwei Filme. "Mockingjay Teil 1" kam bereits letztes Jahr im November in die Kinos und spielte alleine 700 Millionen Dollar ein, Teil 2 ist seit dem 19. November 2015 im Kino zusehen. Für die Macher ist die Marke ein Milliardengeschäft, denn es gibt neben den typischen Merchandise-Artikeln auch hervorragend inszenierte Hörbücher - übrigens in einer gekürzte und einer ungekürzte Version. Doch auch die Mitbewerber können nicht klagen: Divergent von Veronica Roth verkaufte sich immerhin 13 Millionen Mal, hier gibt es bisher ebenfalls zwei Filmadaptionen und die Dreharbeiten für eine Fortsetzung wurden bereits begonnen. Wie die Panem-Serie wird dieser in zwei Teilen veröffentlicht. Doch woher kommt der neue Erfolg dieses Genres, das eigentlich immer ein Nischenprodukt war, welches von männlichen Themen dominiert und aufgrund des Science-Fiction-Charakters sogar oft direkt an ein männliches Publikum gerichtet wurde?
Zunächst einmal gilt es zu wissen, dass ein Großteil der Leserschaft von Young-Adult-Romanen weiblich ist und es für sie vermutlich einfacher ist, sich mit weiblichen Protagonisten zu identifizieren. Doch geht es nicht nur darum, sondern um die Entwicklung und die Veränderung der Charakterrollen an sich. Wir erinnern uns an Bella Swan aus "Twilight". Eine Buch- und Filmserie, die wie "Die Tribute von Panem" ebenfalls große Erfolge feiern durfte. Bella ist das genaue Gegenteil von Katniss Everdeen, ihre ganze Welt dreht sich um die Verstrickungen ihrer Gefühle. Sie brauchte einen Beschützer, konstante Aufmerksamkeit und konnte übertrieben gesprochen kaum einen Schritt selbst machen. Zwar gibt es immer noch junge Frauen, die sich von diesem Stereotypen angesprochen fühlen, jedoch wünschen sich die meisten - ganz wie in unserer realen Gesellschaft - eine Weiterentwicklung, mit der logischen Konsequenz, dass zwar auch starke Frauen Platz für Gefühle haben, wie Katniss durch ihre Beziehung zu Peeta beweist. Allerdings ist es hier eher Peeta, der die Rolle des Schutz-Suchenden einnimmt, auch wenn dieser selbst einige starke Momente hat.
 
 
Gerade für Frauen war es bisher immer schwer, sich in Büchern, Filmen oder Fernsehserien mit jemandem zu identifizieren. Die stereotypische Darstellung des "Chicks", wie man sie in Amerika nennt, passt eben nicht mehr unbedingt auf die heutigen Konsumenten und sich mit der männlichen Charakterrolle auseinanderzusetzen ist oft schwierig. Das ist bei diesem Genre ganz anders. Die Frau füllt hier mitunter eine Rolle aus, die gleichzeitig Stärke zeigt, aber - wenn es die Situation zulässt - auch mit ihren Emotionen umgehen kann. Sie sind wesentlich vielschichtiger und sprechen daher ein breites Publikum an. Außerdem ein Vorteil: Das Setting. Die ungewöhnliche, teils lebensfeindliche Umgebung macht es dem Leser bzw. dem Zuschauer einfacher zu verstehen, woher die Hauptfigur ihre Stärke bezieht und wie sie dadurch in der Lage ist, Macht zu gewinnen sowie die Welt zu verändern. Neil Burger, der Direktor der Divergent-Verfilmungen, spricht von der "Evolution der Frauenbewegung" und fügt hinzu, dass man über einen Weg gestolpert sei, glaubhaft darzustellen, wie die jungen, weiblichen Charaktere innerhalb der dystopischen Gesellschaft ihren Platz finden. Divergent nutzt hierfür eine militante Zukunftswelt, eine hervorragende Allegorie zur heutigen Rebellion der Jugend. Doch auch in anderen Romanen dieser Art geht es um das Machtgefüge, denn schlussendlich sind auch die Hunger Games nichts anderes als ein Machtbeweis der Hauptstadt gegenüber den Distrikten.