Im Gespräch mit Christian von Götz über seine Regiearbeit zu "Hoffmanns Erzählungen" "Es ist Musiktheater mit Schmackes"
Christian von Götz inszeniert am Magdeburger Opernhaus Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen". Grit Warnat hat vor der Premiere am 31. März mit dem 43-jährigen Regisseur über die Spezifik und die Klippen des Stückes gesprochen.
Volksstimme: Der Name Jacques Offenbach steht für die moderne Operette, für "Offenbachiaden". Er hat nur zwei Opern komponiert, darunter "Hoffmanns Erzählungen". Wo ordnen Sie diese Musik ein?
Christian von Götz: Offenbach steht für die Opera bouffon, eine Erfindung von ihm, es ist eine Art komische Oper. Er hat davon geträumt, eine große Oper zu machen und die ist "Hoffmanns Erzählungen" auch geworden.
Volksstimme: Die Oper bringt drei verschiedene Erzählungen zusammen. Das ist sehr spezifisch.
von Götz: Das stimmt. Offenbach war ein Meister der kleinen Form. Er hat ganz tolle kleine Einakter geschrieben, einer ist besser als der andere, aber sie werden an deutschen Theatern leider selten gespielt. Und auch in seiner großen Opernform hat er drei Einakter zusammengeführt, jeder steht für sich, jeder ist total stark. Neben den drei Einaktern gibt es eine realistische Rahmenhandlung und noch einen weiteren, einen fantastischen, metaphysischen Rahmen. Die Muse tritt auf, nicht im Sinne von Marilyn Monroe, sondern als übersinnliche Figur. Es sind diese verschiedenen Handlungen, die dieses Stück sehr interessant machen. Es ist eine moderne Theaterform.
Volksstimme: Aber schwer fassbar.
von Götz: Ja, es ist eine echte Aufgabe, das spannend darzustellen. "Hoffmanns Erzählungen" ist für einen Regisseur eine der Opern, die wirklich schwer umzusetzen sind.
"Bei uns ist es anders als im Opernführer"
Volksstimme: Sie haben ungefähr 90 Opern inszeniert. Welchen Stellenwert hat "Hoffmanns Erzählungen" für Sie?
von Götz: Es ist eines der Stücke, die ganz weit oben auf meiner Wunschliste stehen. Für einen modernen Regisseur ist es wegen der Form interessant, und es hat unglaublich gute Musik. Die einzelnen kleinen Teile dieser Oper haben eine maximale Musiktheaterqualität und das alles in einer großen Perfektion.
Volksstimme: Wie verstricken Sie die Handlungsstränge, ohne dass es bruchstückhaft wirkt?
von Götz: Sie sind durch einen Hauptaspekt verbunden. Der Hoffmann in der realen Rahmenhandlung trauert um die Sängerin Stella, ich verrate noch nicht warum, weil es bei uns anders ist als im Opernführer. Also er trauert um Stella, isoliert drei Aspekte dieser Frau und erzählt das in Geschichten. Ein Aspekt ist zum Beispiel der Vorwurf, dass Stella etwas von einer Kurtisane hatte. Er verarbeitet diese gescheiterte Beziehung. Es ist eine interessante, moderne Story. Christian Petzold macht aus solchen Stoffen Filme.
Volksstimme: Diese Oper ist Offenbachs Schlusswerk, das nicht vollendet wurde. Wie schwer ist so etwas Unvollendetes für den Regisseur?
von Götz: Das Stück hat seine Klippen, eine Klippe ist der ultimative Schluss, der nicht wirklich irgendwohin führt. Das plätschert so aus, weil Offenbach während der Arbeit an der Partitur verstorben ist. Ich will einen pointierten Schluss mit einem Aha-Effekt im Publikum. Das Stück soll auf etwas zulaufen und nicht zwischendrin Höhepunkte haben und am Ende wegnippeln. Das ist nämlich die große Gefahr bei diesem Werk.
Volksstimme: Verraten Sie etwas über den Aha-Effekt?
von Götz: Als Theatermodell fällt einem schnell der Thriller ein, das analytische Drama, der Krimi. Etwas, wo sich alles um Rätsel dreht, man dem Rätsel aber immer näher kommt. Ich habe das Stück deshalb auch vom Ende her inszeniert. Aber wie das aussieht, verrate ich noch nicht.
Volksstimme: Sie haben "Hoffmanns Erzählungen" vor vier Jahren in Lissabon inszeniert. Wie schwer war es für Sie, sich jetzt schon wieder etwas Neues einfallen zu lassen?
"Man muss dem Stück helfen, etwas erfinden"
von Götz: Ich wollte eine ganz neue Konzeption machen. In Lissabon hatten mich andere Themen beschäftigt. Aber ich habe bei der dortigen Arbeit gemerkt, wie dieses Stück tickt und wie wichtig es ist, dass man zum Ende helfen muss, etwas erfinden muss, damit das Ganze auch schlüssig wird.
Volksstimme: Ihr Schluss würde Offenbach gefallen?
von Götz: Ich denke schon. Offenbach war ein Theatertier, er hatte ein eigenes Theater, ist pleite gegangen, hat wieder etwas neues gegründet, eine Kompagnie gehabt. Er war ein Kölscher Jung, er hatte eine gewisse Frechheit, eine Lebensfreude. So ist das ganze Werk von ihm auch, es ist Musiktheater mit Schmackes. Und das machen wir hier auch.
Volksstimme: Die Oper ist lang, es gab immer wieder Fassungen mit Streichungen. Wie wird Ihre Version?
"Das Stück ist stark, wenn es brennen kann"
von Götz: Auch mit Streichungen. Die Durchschlagskraft des Stückes kann sehr hoch sein, man verliert aber davon, wenn man es komplett spielt, dann gibt es Schleifen, Wiederholungen. Das tut dem Stück nicht gut. Es ist sehr stark, wenn es richtig brennen kann. Ich denke, dass es hier in Magdeburg kurzweilig und aufregend ist und auf positive Weise verstörend. Der Zuschauer soll gepackt sein.
Volksstimme: Das war auch Ihr Ansinnen bei "Turn of the Screw" in Ihrer Inszenierung hier am Opernhaus. Da ging es ebenfalls um Fantastisches. Mögen Sie das?
von Götz: Es sind zwei verschiedene Dinge. Zum einen war die Arbeit bei "Turn of the Screw" hier am Haus wirklich 1a, sehr unkompliziert, bestens vorbereitet. Andererseits mag ich, obwohl mich politisches Musiktheater sehr interessiert, Spuk- und Gespenstergeschichten. Dafür bin ich sehr zu haben. Wenn ich ins Kino gehe, sehe ich auch gern einen gutgemachten Horrorfilm.
Premiere: ist am 31. März, weitere Vorstellungen: 9., 15., 22. April.