Im Gespräch mit Gonzalo Galguera über seine dreiteilige Produktion "Carmina Burana" am Opernhaus "Es wird ein Ballettabend mit drei Premieren"
Am Magdeburger Opernhaus wird "Carmina Burana" getanzt. Magdeburgs Ballettdirektor Gonzalo Galguera inszeniert einen dreiteiligen Ballettabend. Grit Warnat hat mit ihm über seine Intentionen, kubanische Lebensfreude und das Choreografieren gesprochen.
Volksstimme: Sie haben gerade eine Probe hinter sich und mit Ihrem Ensemble Gershwins "Cuban Ouverture" erarbeitet. Sie sind Kubaner, das ist Ihre Musik.
Gonzalo Galguera: Es ist mein Blut. Und es ist eine Hommage an die Lebensfreude der Kubaner, an die Kommunikation der Kubaner, ein Volk, das gerne tanzt. In Kuba lernt man nicht zu tanzen, man kann es einfach. Gershwin war in den 30er Jahren sehr fasziniert von Mambo, Rumba, Rhythmen, die nach Hollywood gingen und die Welt eroberten. Diese Faszination greife ich auf.
Volksstimme: Diese Komposition von Gershwin ist ein Teil des dreiteiligen Tanzabends. Sie erweitern Carl Orffs "Carmina Burana" noch mit Ravels "Boléro". Wie sind Sie auf diese Konstellation gekommen?
"Eine Hommage an die Lebensfreude der Kubaner"
Galguera: "Carmina Burana" ist kein abendfüllendes Programm. Wir haben also gesucht, wollten einen Bogen spannen zu "Carmina Burana" als zentralen Punkt. Mit der "Cuban Ouverture" und dem "Boléro" haben wir weitere zwei Stücke, die dieses Lebensgefühl, diese Kraft transportieren. Sie verbindet ein innerer Faden. Es geht um das Ursprüngliche, das Rituelle. Es wird ein Ballettabend mit drei Premieren.
Volksstimme: "Carmina Burana" ist eine mittelalterliche Dichtung. Siedeln Sie das Stück auch im Mittelalter an?
Galguera: Nein. Die Texte, die Carl Orff umgesetzt hat, sind mit dem Mittelalter verbunden. Aber der Inhalt der Texte ist zeitlos. Es geht um Liebe, Natur, um Glück, Lebenswillen, Traurigsein. Alles Dinge, die sich im Laufe der Zeit wiederholen.
Volksstimme: Das Werk setzt mit dem Chorsatz "O Fortuna" zu Ehren der Schicksalsgöttin ein. Sie arbeiten wie schon in "Heilig" wieder mit einem Chor?
Galguera: Der Opernchor singt und die Singakademie. 85 Sänger werden uns unterstützen. Bei solcher Zusammenarbeit sieht man, wie fließend die Grenzen sind. Die Sparten haben mehr Gemeinsamkeiten als man denkt.
Volksstimme: Es werden drei Premieren, wie Sie sagen. Inwieweit haben Sie das Stück vorab konzeptionell im Kopf? Wie viel davon entsteht mit den Tänzern auf der Bühne?
Galguera: Ein Schauspielregisseur hat einen Text, ein Opernregisseur eine Partitur. Ein Choreograf hat erst einmal nichts. Wir haben nur die Musik. Das macht das Handwerk Choreografie so außerordentlich schwer. Man muss sich die Bilder im Kopf vorstellen, man muss ein Gefühl für den Raum, die Musik und die Bewegung haben. Und man muss die Musik hören, immer wieder hören, um sie zu verinnerlichen. Dann kommt die zweite Phase, die Phase des gemeinsamen Entwickelns, und damit auch immer wieder der Punkt, an dem man merkt, dass nicht alles so wie gedacht realisierbar ist. Solch eine Choreografie ist ein langwieriger Prozess, weil man auch immer wieder von null beginnt.
Volksstimme: Wie lang ist Ihre gedankliche Vorbereitungszeit?
Galguera: Es beginnt sofort, wenn man sich auf die Produktion festlegt.
Volksstimme: Sie stand vor einem Jahr bei der Präsentation des Spielplanes fest.
Galguera: Ja. Die Zeit braucht man. Jetzt bin ich gedanklich neben der aktuellen Arbeit auch schon bei der nächsten Produktion.
Volksstimme: "Carmina Burana" war ursprünglich als Domplatz-Open-Air geplant. Jetzt wird der Domplatz umgestaltet, sie bleiben auf der gewohnten Bühne im Opernhaus. Mussten Sie viel umdenken?
Galguera: Das Konzept, das wir jetzt hier haben, hätten wir anders umsetzen müssen. Hier im Haus haben wir mehr Technik, die Bedingungen für die Tänzer sind besser. Wir können mehr zaubern.
Volksstimme: Veronika Zemlyakova und Kirill Sofronov verlassen Magdeburg. Wer Sie noch einmal sehen möchte, muss zu "Carmina Burana" kommen?
Galguera: Genau. Kirill tanzt in der "Cuban Ouverture" mit den Frauen. Sie zeigen dem Mann: Wir haben eine ungeheuerliche Kraft. Ich wollte nicht in ein Klischee abrutschen, Mann, Frau, Salsa, sondern zeigen, dass in Kuba eigentlich die Frauen die Hosen anhaben. Sie haben eine unübersehbare sinnliche Macht. Und beim "Boléro" tanzt Veronika mit den Männern, weil die Frau für mich hier eine sehr göttliche Rolle spielt. Die Männer werden von der Frau magisch angezogen. Optisch und in der Form sind es zwei verschiedene Konzepte, aber mit einem Faden. Es ist schon eine Herausforderung.
"Ich würde immer wieder Tänzer werden wollen"
Volksstimme: Sie haben schon des Öfteren so etwas gewagt.
Galguera: Ja, man muss die eigenen Maßstäbe immer wieder hinterfragen, auch sich selbst und das Publikum überraschen.
Volksstimme: Es sieht alles so leicht aus, wenn man Ihren Tänzern bei der Probe zusieht. Dabei weiß man, Ballett ist Leistungssport.
Galguera: Es ist mehr. Ein Leistungssportler hat ein klares Ziel, er will eine Medaille gewinnen. Beim Ballett geht es um Körperlichkeit und um Emotionen, man ist nach einem Tanzabend nicht nur physisch, sondern in einer sehr emotionalen Rolle auch geistig-seelisch fertig. Das ist ein harter, sehr harter und vor allem ein endlicher Beruf, aber eben auch ein wunderschöner. Ich würde immer wieder Tänzer werden wollen.
Volksstimme: Wie schwer fällt es Ihnen, vor allem bei der "Cuban Ouverture" nicht mitzutanzen?
Galguera: Das fällt mir schwer. Ich würde sehr gerne tanzen. Aber aus organisatorischen Gründen geht das leider nicht. Vielleicht kann ich ja irgendwann mal einspringen.
Premiere: 2. Juni, 19.30 Uhr, Opernhaus