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Literatur Fast 100 Jahre später: Abituraufsatz von Max Frisch entdeckt

Ein gestohlener Abituraufsatz taucht plötzlich auf. Ein Experte spricht von einer literarischen Sensation. Wie der Schweizer Schriftsteller schon als Schüler ein Motiv späterer Werke vorwegnimmt.

Von dpa 27.02.2026, 09:00
Zeitlebens ein Technikkritiker: Max Frisch. (Archivbild)
Zeitlebens ein Technikkritiker: Max Frisch. (Archivbild) picture alliance / dpa

Zürich - Max Frisch war einer der bedeutendsten europäischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts – und er hielt wenig von zu viel Nachdenken. Zumindest in jungen Jahren, wenn man seinem Abituraufsatz im Fach Deutsch glauben darf. Fast 100 Jahre war der Text verschollen, jetzt wird er erstmals veröffentlicht. Der Literaturwissenschaftler und Präsident der Max Frisch-Stiftung, Thomas Strässle, spricht von einer literarischen Sensation.

Frisch und die Technikkritik

In dem Abituraufsatz „Licht- und Schattenseiten der modernen Technik“ legt Frisch (1911-1991) schon mit 19 Jahren ein Motiv seines literarischen Werks dar: die Kritik an der Technikgläubigkeit. „Technikkritik ist auch eines der großen Themen des späteren Max Frisch“, schreibt Strässle.

Frisch stellt die Urmenschen, die sich ums Überleben kümmern müssen, modernen Erdbewohnern gegenüber. Die Technik nehme den Menschen fiel ab und gebe ihnen mehr Zeit, die sie aber problematisch füllten: mit Denken. „Je klarer und logischer wir aber denken, desto rascher erkennen wir die bodenlose Stumpfsinnigkeit unseres Daseins“, schrieb Frisch mit seinen 19 Jahren damals. Sein Fazit: „Vom Standpunkt des Glücks aus beurteilt ist die Technik abzulehnen“.

Die Welterfolge des Autors

Das Thema verarbeitete Frisch später etwa in seinem Welterfolg „Homo faber“ (1957). Darin wird das rationale Weltbild des technikgläubigen Herrn Faber durch Gefühle und Schicksalsschläge zerstört.

Frischs Bücher, darunter auch „Stiller“ oder „Biedermann und die Brandstifter“, sind Generationen von Schülerinnen und Schülern ein Begriff aus dem Deutsch-Unterricht. Der Autor war wie sein Landsmann Friedrich Dürrenmatt (1921–1990, „Besuch der alten Dame“, „Die Physiker“) immer wieder für den Literaturnobelpreis im Gespräch, aber die Auszeichnung blieb beiden versagt.

Ein Diebstahl macht den Text jetzt zugänglich

Dass der Abiturtext jetzt auftaucht, hat auch mit einem Diebstahl zu tun: Ein späterer Schüler an der Schule von Frisch in Zürich hatte die Arbeit in den 50er Jahren aus einem Archivschrank mitgehen lassen. Da war Frisch schon eine literarische Größe. Er habe den Aufsatz für die Nachwelt erhalten wollen, schrieb der Mann 2024, als er ihn an das Max Frisch-Archiv schickte.

Der Aufsatz erscheint nun in der Festausgabe zum 175. Jubiläum des Lehrmittelverlags in Zürich (LMVZ). Die anderen Texte stammen von Prominenten, die der Herausgeber gebeten hatte, Schulerinnerungen beizutragen.

Strässle findet die Gegenüberstellung von Urmensch und problemgetriebenen Zivilisationsmenschen zwar „naiv und plakativ“, aber für ihn ist klar: „Hier schreibt einer, der hoch hinaus will und es kaum erwarten kann.“