Quedlinburg l Chris Wohlfeld reist seit Jahren in die Landschaft von Verdun, um mit der Kamera festzuhalten, wie sich der Erste Weltkrieg in die Natur eingegraben hat. Er zeigt die Narben, die bis heute, 100 Jahre nach Kriegsende, sichtbar geblieben sind: Granattrichter, zerbombte Betonbewährung, Stacheldraht, Unterstände, Kreuze mitten im Wald. Sie erinnern an die einst etwa 700 .000 Soldaten, die im erbittert geführten Stellungskrieg um wenige hundert Meter Boden ihr Leben ließen.

Menschenleer, karg und still sind die Schwarz-weiß-Fotografien des Quedlinburgers. Auch der Grafiker Thomas Hadelich spielt in seinen Aquatinten mit Licht und Schatten und erschafft melancholisch anmutende, immer noch zerrissene Landschaften. Menschliches Leben ist auch bei ihm Fehlanzeige.

Überhaupt kommt die kleine Sonderausstellung „Das Ende der Mythen. Feldstudie Verdun“ ganz ruhig daher. Das liegt nicht nur am Thema. Diese Schau kommt fast ohne Farbtupfer aus.

Bilder

Ausschneidebogen für Vaters Ersatzteile

Um Verdun irgendwie zu fassen, waren Wohlfeld, Hadelich und weitere drei Künstler aus der Welterbestadt und aus Halle in das kleine französische Städtchen gereist und haben sich – jeder mit eigenen Ideen für sein Gewerk – dem Schrecken angenähert. Entstanden sind danach Zeichnungen, Grafiken, Objekte, Skulpturen, Fotografien.

Eine Grund-Düsternis kann ein Fotograf mit der Kamera anders festhalten als eine Keramikerin. Friederike Nottrott, die an der Burg Giebichenstein studierte, hätte weinende Kinder zeigen können oder verwundete Soldaten. Sie aber entwarf ein etwas anderes Haushaltsgeschirr. Eine Suppe will man in der von ihr entworfenen Schüssel nicht auslöffeln. Auf dem Grund sind Gesichter ohne Nase, ohne Mund, zerschossen von Granaten. Ihrem Geschirr gibt sie die Form von Helmen, die einst ganz in der Nähe von Quedlinburg, im Eisenwerk Thale, zu Zehntausenden für den Kriegseinsatz produziert worden sind.

Bei Nottrott mutieren kleine Döschen, Teller und Tasse, gedacht für den friedlichen Alltagsküchengebrauch, zu Geschossgranaten. Ihr Porzellan nennt sie denn auch „Geschossgranate zum Leben, Kaliber 10,5“.

Auch bei Bernd Papke, ebenfalls Giebichenstein-Absolvent, vermischen sich Vergangenheit und Gegenwart. In seinen drei großformatigen Arbeiten kann man etliche Namen von Gefallenen entdecken. Die hatte der Maler und Grafiker auf dem Soldatenfriedhof in Hautecourt von den dort angebrachten Platten auf Papier gerieben. Frottage nennt sich diese Technik, die er in seinem Atelier im Quedlinburger Ortsteil Rieder vervollkommnete: Mit Obstbäumen, die an Wegen ganz in der Nähe stehen. Knorrig sind sie und alt. 1918, dem Jahr des Kriegsendes, sollen sie gepflanzt worden sein.

Die Jahrmarkt-Schießbude

Bei Kathrin Ruhnau, der Textil-Designerin und Papier-Künstlerin, wird es farbenfroher, nein, etwas farbintensiver. Das Wörtchen froh verbietet sich beim Blick auf ihre vier Objekte. Denn eine Munitionskiste wird bei ihr zu einer Jahrmarkt-Schießbude. Zum Abschuss bereit: das Soldatenliederbuch, Feldpostkarten, jede Menge Trauerbriefpapier.

Sie spaßt mit dem Schrecklichen und erfindet den Ausschneidebogen für Organe. Der eigentlich nette Bastelspaß ist umfunktioniert. „Vaters Ersatzteile“ ist bestückt mit Augen und Kinn, Zähnen und Brustkörper. Da kann das sich sorgende Kind zu Hause schnell den Papa mit jenen Teilen versorgen, die ihm im Felde weggebombt worden sind. Ruhnau zeigt, dass der Krieg nicht nur an der Front war, sondern auch daheim in den Städten, in den Familien.

Bis zum 7. Januar 2019 ist die Verdun-Ausstellung zu sehen. Parallel werden „Licht.Raum.Magie“ mit Fotografie des in Hildesheim arbeitenden Klaus Dierßen und die Dauerausstellung zu Lyonel Feininger gezeigt. Mit dem Ende beider Austellungen schließt das Haus für mehrere Wochen wegen notwendiger Bauarbeiten.

Öffungszeiten: außer dienstags jeweils 10 bis 17 Uhr. Eintritt: 6 Euro, erm. 4 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei. Führung durch die Dauer- und Sonderausstellung jeden Sonntag um 11 Uhr.