Zur Person

Der Kunsthistoriker, Publizist und Kritiker Michael Freitag wurde 1954 geboren. Er studierte Kunstgeschichte in Berlin und arbeitete danach unter anderem als Mitherausgeber der Zeitschrift „neue bildende kunst“ sowie als freier Kurator. 2010 wurde er Leiter der Sammlungen Moritzburg in Halle und am 1. Januar 2014 Direktor der Lyonel-Feininger-Galerie. (dpa)

Quedlinburg (dpa) l Durch die Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg weht vom Sommer an ein neuer Wind. Nach sechseinhalb Jahren verlässt Direktor Michael Freitag das von ihm konzipierte Museum für grafische Künste in Richtung Ruhestand. Seine Abschiedsausstellung zeige den seitdem aufgebauten Bestand. „Es wird ein Schnitt durch die neu entstandene Sammlung“, sagte Freitag in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Neben der Schau „eingang:ausgang“ widme sich die Galerie in diesem Jahr dem Verein für Originalradierung München und den Gegenwartskünstlern Moritz Götze und Rüdiger Giebler aus Halle.

Frage: Im September sind Sie 65 geworden, am 1. Juni verlassen Sie die Lyonel-Feininger-Galerie. Wie war es?

Michael Freitag: Es war ein Aufbruch im besten Sinne. Als ich 2014 in Quedlinburg anfing, war es Zeit, das monografisch angelegte Museum aufzubrechen, um den Feininger-Bestand konservatorisch besser betreuen und das Programm lebendiger machen zu können. Drei Punkte standen dabei im Vordergrund: Aufbau einer eigenen Sammlung, Entwicklung eines Konzepts für Sonderausstellungen, die thematisch vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichen, und Einrichtung einer Dauerausstellung rund um Feininger selbst.

Sind diese Vorhaben gelungen?

Eindeutig ja. Gerade im letzten Punkt ist viel gelungen. Über die Sammlung Dr. Hermann Klumpp hinaus spannt sich der Bogen nun vom Früh- bis zum Spätwerk, nicht zuletzt durch die 2019 gegründete „Stiftung Lyonel-Feininger-Sammlung Armin Rühl“. Diese weltweit einzigartige Sammlung komplettiert mit ihrem Schwerpunkt auf den Anfängen des „Witzblattzeichners“, als den Feininger sich selbst gern ironisierte, die Vorstellung seines Gesamtschaffens.

Bilder

Die Galerie besitzt mittlerweile eine sehr ansehnliche und namhafte eigene Sammlung. Wie kam es dazu?

Es gibt drei Wege, eine Sammlung aufzubauen: Ankäufe, Schenkungen und Stiftungen. Wir haben versucht, von jeder Sonderausstellung mindestens immer ein Werk in die Sammlung zu bekommen. Mit Hilfe des Fördervereins konnten wir viele Werke erwerben. Sie bilden wie Sedimente die Geschichte des hier in den Jahren Gezeigten ab. Höhepunkt war in diesem Zusammenhang das Projekt mit Sabina Grzimek, die uns 130 Radierungen und Übermalungen nach Ende ihrer Retrospektive 2018 geschenkt hat.

Schauen wir auf den nächsten Sommer und ihre Abschiedsausstellung „eingang:ausgang“.

Es wird ein Schnitt durch die neue Sammlung. Alle drei Räume werden bis unter die Decke mit Bildern gefüllt. Wir eröffnen sie am Abend des 29. Mai und zeigen sie bis 31. August. Die Vernissage wird mein letzter Auftritt. Persönlich halte ich es danach wie Joseph Beuys und sage: Ich trete aus der Kunst aus. Das kann ich ruhigen Gewissens tun, da das Haus für die Zukunft bestens aufgestellt ist. Es konnten Strukturen durchgesetzt werden, die das Haus weiterwachsen lassen. Wer nachfolgt, wird eine gute Basis vorfinden und auf seine Weise weitermachen. Ich gehe dann in die Galerie nur noch mit Tarnkappe.

Was machen Sie stattdessen?

Ich wollte ursprünglich nach Dresden gehen, aber nun bleibe ich in Quedlinburg. Meine Bibliothek und ich haben hier einen Platz gefunden. Ich werde es genießen, weniger von Terminen getrieben zu sein, und vielleicht ein Buch schreiben. Es gibt nichts Anspruchsvolleres, als sich mit seinem Ruhestand zu beschäftigen.

Worauf können sich Galeriebesucher noch alles freuen?

Das Jahr beginnt am 15. Februar mit der Ausstellung „Strich-Code“ in Kooperation mit dem Münchener Verein für Originalradierung, der seit 1891 existiert. Wir zeigen den Stand der zeitgenössischen Grafik in all ihren Facetten. Danach bekommen die aus Halle stammenden Künstler Moritz Götze und Rüdiger Giebler eine Bühne. Eine Variante mit Papierarbeiten ihrer „Grand Tour“, die sie durch die ganze Welt geführt hat, zeigen wir vom 18. April bis 31. August. Was danach kommt, liegt nicht mehr in meinen Händen. Die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt hat den Direktorenposten ausgeschrieben. Ich bin gespannt. Meine Nachfolge noch ein bisschen einzuarbeiten, wäre wünschenswert und ein glücklicher Abschluss meines Arbeitslebens.