Dessau l Wenn man dieser Tage mit Gerhard Kämpfe spricht, ist von Anspannung keine Spur. Wenige Tage vor dem Start des Kurt-Weill-Festes merkt man ihm vielmehr die Vorfreude an – auf das Programm und auf die Künstler. Aber er gibt zu: Wehmut schwingt mit.

Kämpfe ist der Primus inter Pares, der Sprecher eines vierköpfigen, gleichberechtigten Teams, das bereits im vergangenen Jahr die Intendanz des renommierten Dessauer Musikfestes als Interimslösung übernommen hatte. Jetzt steht das Team um den Berliner Kulturmanager vor seinem zweiten Festival. Zu dessen Ende am 17. März geht der Staffelstab an den Neuen weiter: Jan Henric Bogen wird dann übernehmen. Wieder als alleiniger Chef des Ganzen.

Erst einmal aber ist der Blick fest auf den März gerichtet, zwei Wochen inklusive drei Wochenenden volles Programm. Kämpfe: „Uns ist es gelungen, eine große Bandbreite zusammenzustellen.“

Wenn man Kämpfe nach seinen ganz persönlichen Highlights befragt, nennt er Helen Schneider, Ute Lemper und den Trompeter Frank London, den Grammy-Gewinner, der mit Sängerin Eleanor Reissa aus New York anreisen wird. Und er freut sich auf Katja Riemann, die Schauspielerin, die musikalisch-literarisch dem Schriftsteller Edgar Hilsenrath und dem Komponisten Kurt Weill begegnen wird.

Hilsenrath, der bekannt wurde mit dem erschütternden Roman „Nacht“ und seiner Groteske „Der Nazi und der Friseur“, war kurz vor Silvester im Alter von 92 Jahren gestorben. Riemann, so erzählt Kämpfe, hatte Hilsenrath zuvor noch mehrmals getroffen, mit ihm über das Programm „Das Märchen vom letzten Gedanken“ gesprochen. Er soll sehr angetan gewesen sein.

Parallelen im Leben

Es gibt manche Parallele im Leben der beiden – letztlich wurde Weill wie auch Hilsenrath von den Nazis aus der Heimat vertrieben. Beide landeten in Amerika, lebten in New York. Aber begegnet sein sollen sie sich nie – außer jetzt. Posthum auf der Bühne.

Zum Programm könnte Kämpfe lange erzählen, meint er und will nicht noch mehr Künstler herausgreifen, weil für ihn so viele Programmpunkte bemerkenswert seien. Die Kooperation mit dem Bauhaus Dessau stellt er aber doch heraus, weil es etwas anderes in diesem Jahr ist, dem Jubiläumsjahr der Designschmiede. Die wird bekanntlich 100. Weill lernte schon in Weimar die Bauhaus-Feste kennen. Die Weill-Gesellschaft, die seit Jahren das musikalische Erbe des gebürtigen Dessauers in die Öffentlichkeit trägt, hat ihren Sitz in einem der Meisterhäuser unweit des traditionsreichen Bauhaus-Gebäudes von Gropius.

 Aber da ist nicht nur die räumliche Nähe zum Bauhaus, sondern auch das Kreative und Innovative, auf das die Gesellschaft in den Festivals setzt. Nur konsequent also, das Festival mit dem Bauhaus zu verbinden – durch Konzerte wie jenes im Kunstmuseum Moritzburg Halle und die Reihe „Neues Hören durch sehen“, in der das Zusammenspiel von Musik, Licht und Architektur das Streben der Moderne zeigt, all das zu einem großen Ganzen zu verweben.

„Dreigroschenoper“ als Wiederaufnahme

Die Neuproduktion einer Oper in diesem Jahr wird es hingegen nicht geben. Das Intendanz-Team, dem auch Theaterintendant Johannes Weigand, Generalmusikdirektor Markus L. Frank sowie Weill-Spezialist Jürgen Schebera angehören, setzt auf Weills populärstes Werk, die „Dreigroschenoper“ – eine Wiederaufnahme aus dem vergangenen Jahr, weil Gutes nach kurzer Zeit nicht einfach wieder vom Spielplan verschwinden sollte, meint Kämpfe auch mit Blick auf den Etat. 2018 hatte der Italiener Ezio Toffolutti das 1928 uraufgeführte Werk am Anhaltischen Theater Dessau neu inszeniert. Es gilt als größter Erfolg in der Zusammenarbeit von Bertolt Brecht und Kurt Weill.

600 Künstler werden in 48 Veranstaltungen sehr verschiedene Bühnen und Orte bespielen. Ute Lemper, die als begeisterte Weill-Interpretin bereits große Erfolge in Dessau feierte, ist in diesem Jahr als Artist-in-Residence mehrfach zu erleben – unter anderem im Erzählcafé und mit dem „Rendezvouz with Marlene“ in Dessau und Halle.

Einen Abstecher nach Magdeburg gibt es auch wieder: Am 15. März ist das Festival mit einer Bühnenshow zu den Frauenfiguren Kurt Weills im MDR-Landesfunkhaus zu Gast.

Mehr als 20.000 Gäste erwartet

Der Kartenverkauf laufe bestens, sagt Kämpfe, der erneut mit mehr als 20.000 Gästen rechnet und Chancen sieht, den Besucherrekord vom vergangenen Jahr zu knacken. Zugleich schaut er mit gutem Gefühl zurück und meint auf die Frage, wie es denn lief mit demokratischen Entscheidungen bei vier gleichberechtigten Künstlerköpfen: erstaunlich gut. Schließlich hätten alle ein Ziel gehabt – Menschen zu erfreuen, zu begeistern.

Das Programm und Hinweise zum Ticketverkauf im Internet unter www.kurt-weill-fest.de

Themenseite: 100 Jahre Bauhaus

Das Bauhaus wird 100 Jahre alt. Auf der großen Volksstimme-Themenseite gibt es Geschichten und Termine rund ums Jubiläum und wo Bauhaus den Menschen in Sachsen-Anhalt heute noch begegnet. Themenseite: 100 Jahre Bauhaus