Interview mit Lana und Andy Wachowski, die mit Tom Tykwer "Cloud Atlas" gedreht haben "Filme sollten mehr als nur Produkte sein"
Ihre "Matrix"-Trilogie ist längst ein Klassiker des Science-Fiction-Films. Nun haben sich die aus Chicago stammenden Geschwister Lana und Andy Wachowski für die Verfilmung des Bestsellers "Cloud Atlas" mit Tom Tykwer zusammengetan. Axel Schock hat sich für dapd mit den Geschwistern unterhalten.
Frage: Die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von David Mitchell ist mit 100 Millionen Euro Budget die teuerste in Deutschland realisierte Filmproduktion. Wie haben Sie es geschafft, diesen nicht ganz einfachen, aber sehr kostspieligen Film ohne großes Studio finanziert zu bekommen?
Lana Wachowski: Wirklich geschafft haben wir es ja nicht. Wir mussten eigenes Geld in die Produktion stecken und zuletzt auch unser Haus beleihen. Aber wir haben in der Tat viel Geld von Menschen bekommen, die wie wir großen Mut und viel Vertrauen in dieses Projekt bewiesen haben. "Cloud Atlas" ist im besten Sinne eine unabhängige Produktion.
dapd: Was machte es so schwer, und letztlich unmöglich, ein großes Studio ins Boot zu bekommen?
Lana Wachowski: Der Markt ist heute dominiert von Sequels, Prequels und Remakes. Es ist schlimm genug, dass die großen Studios Kinofilme inzwischen nur noch als Produkte betrachten. Mindestens ebenso ernüchternd aber ist, dass diese Reduktion und die Ignoranz gegenüber jedweder Originalität inzwischen vom Publikum wie auch von Filmjournalisten weitgehend akzeptiert wird, und zwar weltweit.
Andy Wachowski: "Cloud Atlas" ist genau das Gegenteil eines "normalen", einfach zu vermarktenden "Produkts", um in der Terminologie des Filmbusiness zu bleiben. Dementsprechend schwer war es für uns, Geldgeber dafür zu gewinnen.
dapd: Wenn drei Menschen gemeinsam einen Film drehen, könnte das sehr leicht Krieg am Set bedeuten.
Lana Wachowski: Oder Harmonie.
Frage: Verliefen die Dreharbeiten völlig harmonisch?
Lana Wachowski: Absolut. Wir haben vier nicht immer einfache Jahre hinter uns, und wir sind immer noch miteinander befreundet.
Frage: Sie haben nach der "Matrix"-Trilogie all Ihre Filme in Babelsberg produziert. Was verbinden Sie mit den Potsdamer Studios?
Lana Wachowski: Wir lieben Berlin, und Babelsberg war immer schon ein magisches Mekka der Filmkunst. Viele der großen deutschen Filme, die wir lieben, sind dort entstanden. Wäre nicht der Mann mit dem Bärtchen gekommen, Babelsberg wäre heute das Hollywood Europas. Stattdessen hat der Mann mit dem Bärtchen alle talentierten Menschen aus dem Land gejagt, die dann Hollywood zu dem gemacht haben, was es heute ist. Das ist leider die traurige Wahrheit.
Andy Wachowski: Und dabei ist Berlin viel, viel schöner als Hollywood!
Frage: Auf wie viele Oscars hoffen Sie für "Cloud Atlas"?
Lana Wachowski: Mich befremdet die Art und Weise, wie die meisten Menschen heute über Film reden, sie auf Konsumware reduzieren und diese Kunstform, die wir so lieben, nur noch unter dem Aspekt von Zahlen betrachten: Wie viel hat ein Film gekostet? Wie viel hat er eingespielt? Wie viele Preise hat er gewonnen? Es ist eine schlimme Sache für einen Künstler, wenn Kunst allein über den kommerziellen Erfolg definiert und diskutiert wird.
Frage: Wie definieren Sie für sich denn Erfolg?
Lana Wachowski: Einige der größten Künstler der Weltgeschichte haben zu Lebzeiten keinerlei Geld verdienen können. Ihre Kunst aber hat weit über ihren Tod hinaus gewirkt. Als Künstler möchte man etwas Originäres schaffen. Etwas, an das man glaubt, das einen selbst repräsentiert und das auf andere Menschen ausstrahlt - egal, ob es ein Flop oder ein Hit wird.
Frage: Die Wachowski-Geschwister waren lange Zeit eine Art Mythos. Es gab weder Interviews noch Fotos. Weshalb diese Geheimniskrämerei?
Lana Wachowski: Ich hasse es, in der Öffentlichkeit zu sein. Tut das nicht jeder?
Frage: Für "Cloud Atlas" sind Sie nun nach mehr als zehn Jahren erstmals wieder in der Presseöffentlichkeit. Wie erleben Sie diese Begegnungen?
Lana Wachowski: Die Menschen sind immer sehr freundlich zu uns und es ist natürlich auch sehr schön, nun von Menschen ganz direkt zu erfahren, was ihnen unsere Filme bedeuten. Aber es gibt auch einen Preis dafür zu zahlen, nämlich den der schwindenden Anonymität. Wir können nun nicht mehr einfach in einen Buchladen oder ein Café gehen, ohne Gefahr zu laufen, erkannt zu werden. Dieser Preis ist groß, denn uns ist wichtig, am ganz normalen öffentlichen Leben teilhaben und dabei unsere Privatsphäre wahren zu können.