Theaterpremiere

Flüchtlingskrise erreicht die Bühne

Philipp Löhles „Wir sind keine Barbaren!“ spielt die Flüchtlingsdebatte schwarzhumorig durch.

Von Von Claudia Klupsch

Magdeburg l Zwei jüngere Paare, gutsituiert, verbunden in herzlicher Abneigung liefern sich zunächst witzige Dialoge. Ausstatterin Heike Mondschein hat sie in genau gleiche Kostüme gesteckt. Zwirn für die Männer. Kleines Rotes für die Damen, Blondhaarperücken dazu. Gleichgeschaltete Verkleidung. Sie sind einander Spiegelbilder.

Als Nachbarn lädt man sich ein, schlürft Prosecco, plaudert. Barbara will vegan kochen, ihr Mann Mario erfreut sich an einem elektronischen Fernsehspielzeug. Linda und Paul haben geräuschvoll Spaß aneinander, lassen ihre neidvollen Nachbarn durch die Zimmerwand Anteil daran haben. Spätestens, als „bumms, bumms“ Geräusche eines kopulierenden Pärchens verdeutlichen, ist das Publikum auf Komödie eingestellt. Doch sich amüsiert im Stuhl zurücklehnen, will nicht recht gelingen.

In Kontrast zum Plausch der Paare beschwört der Sprechchor des Bürger Ensembles Magdeburg das „Wir“. Die sechs Frauen und zwei Männer sind zunächst unter das Publikum gesetzt, formieren sich dann zur „Front“, die deklamiert: Wir sind alle gleich, werden 73 Jahre alt und feiern sonnabends, nur sonnabends. „Genau so sind wir! Wir sind stolz auf uns.“ Eine Art Appell zur Bewahrung der „Leitkultur“. Gruselig.

Die Wir-Beschallung geht schonungslos direkt an die Zuschauer. Dem Publikum bietet sich eine Schau ins Private kleinbürgerlicher Idylle, die Spiegel sein kann. Kein weiches Plüschsofa, sondern schwarze Leere. An den Rändern stehen zwei kleine Boote - fest, nicht schwankend im Meer. Sie symbolisieren die Wohnungen der Paare, sind hier nicht letzter Ort Ertrinkender, sondern Schutzräume vor der Angst.

Herrscht eben noch Prosecco-Laune, schafft Regisseurin Marie Bues den eindringlichen Moment der Bedrohung. Es klopft an die Tür, es hämmert an alle Türen. Mitten in der Nacht. Ohrenbetäubender Lärm. Immer zwingender will etwas Angsteinflößendes hinein. Der höfliche Plausch ist ab jetzt vorbei. Barbara hat die Tür geöffnet und die Bedrohung hereingelassen – einen bibbernden, vom Regen durchnässten Menschen - vermutlich einen Flüchtling. Wie kann sie nur! Ängste und Ressentiments brechen auf. Marie Ulbricht spielt die Barbara, die, von sich selbst als Gutmensch zu Tränen gerührt, vielleicht wirklich barmherzig ist, aber auch nach Abenteuern sucht, angegähnt vom Leben.

Ihren Mann spielt Konstantin Lindhorst bravourös - erst den leicht devoten Drögi, später den hasstriefenden Wüterich. Jenny Langner zeigt überzeugend die zynische Zicke Linda (Wollen die den adoptieren?...), die bei aller Abneigung gegenüber dem Fremden sich doch für körperliche Details desselben „hormonisiert“ interessiert. Timo Hastenpflug füllt die Rolle des zunächst harmlosen Prolls aus, der dann - von wahnhafter Angst getrieben - einen Schutzraum baut.

Wer nie auftritt, ist Klint oder Bobo, wie der „unheimliche Gast“ auch immer heißen mag. Woher er genau stammt, ist auch nicht klar. Der Mensch, der da Schutz braucht, ist den Akteuren irgendwie egal. Und vor etwas Unbekanntem lassen sich Angst und Distanz besser aufrechterhalten. Abstrus ist der Handlungsstrang von der ermordeten Barbara im Wald. Das ist zu viel der Groteske in Löhles Text.

Regisseurin Bues lässt die Akteure immer heftiger aufeinanderprallen, verbale Attacken steigern sich, da wird gar die Überlegenheitstheorie des Westens gezogen, gehen die Frauen in schrill vorgetragenen bösen Vorurteilen aufeinander los.

Der sich immer wieder einschaltende Chor wird aggressiver - scharf und laut artikulierend. In gleicher Kleidung uniformiert, proklamiert er die Angst. Angst, teilen zu müssen, Angst um die „Zivilisation“, Angst vor allem Kommenden. Die Formation aus Magdeburger Laien unter ihrem Chorführer Raphael Gehrmann ist hervorragend eingestellt, starke Stimmen in perfekter Abstimmung. Der Chor hämmert drillartig heraus: „WIR können nicht mehr bei uns aufnehmen. WIR können nicht mehr abgeben.“

Das Stück zeigt auf uns, auf das Wir, auf uns Wohlstandsbürger, auf unsere Befindlichkeiten, auf unsere Angst, zeigt darauf, wie schnell uns Empathie und Menschlichkeit bei vermeintlicher Bedrohung verloren gehen. Es ist ein tiefsinniges, clever inszeniertes Stück zum derzeit alles beherrschenden Thema, das Meinungen aufeinanderprallen lässt. Mit der als letztes kurz angespielten Melodie von „Freude schöner Götterfunken“ entlässt die Inszenierung sein Publikum. WIR sind keine Barbaren, oder doch? WIR sind vor allem weit weg von „seid umschlungen, Millionen“.

 

Weitere Vorstellungen finden am Sonnabend, dem 3., und Sonnabend, dem 10. Oktober, sowie am Freitag, dem 13., und Sonnabend, dem 28. November, jeweils um 19.30 Uhr im Studio des Magdburger Schauspielhauses statt. Karten können Sie unter Tel. 0391/540 65 55 vorbestellen. Weitere Informationen unter: www.theater-magdeburg.de