Magdeburg l Er war der Mann, der der modernen Architektur den Kampf angesagt hat. Er selbst nannte sich Architektur-Doktor. Er wollte, wie er sagte, der Architektur helfen. In seinen phantastischen Bau-Welten tanzen die Fenster, ragen Kugeln auf Zwiebeltürmen golden in den Himmel, sind Pfeiler dickbauchig und kunterbunt. Von Hundertwassers Bahnhof in Uelzen fahren Züge von Gleis 304 nach Magdeburg. Seine Bauten sind ein Farbrausch. Und vor allem: nichts ist gerade.

Genial nannten ihn die einen, andere peinlich-verrückt. In seinem radikalen „Verschimmelungsmanifest gegen den Rationalismus in der Architektur“ nannte er die Benutzung des Lineals verbrecherisch. Er hatte sehr eigene Träume und Vorstellungen vom Bauen. Die verwirklichte er erstmals Anfang der 1980er Jahre in seiner Geburtsstadt Wien und letztmals in Magdeburg. Wer die sachsen-anhaltische Landeshauptstadt besucht, will den gotischen Dom sehen, aber eben auch das Hundertwasserhaus. Es heißt Grüne Zitadelle, obwohl sie eigentlich rosafarben daherkommt. Der Name steht für das viele Grün, 171 Bäume wachsen aus dem Haus. 98 Prozent des Daches sind begrünt.

Persönliches zu Hundertwasser

Bei einer der einstündigen Führungen wird dem Besucher aber noch viel mehr erzählt über den Menschen Hundertwasser, seinen Werdegang, seine Visionen, seine Fünf-Häute-Theorie, in der er die Architektur als dritte Haut ansieht. Unsere erste Haut ist unsere eigene – in der hielt er schon mal seine Reden. Nackt also. Und Hundertwasser gab sich zwei weitere Nachnamen: Dunkelbunt (wie seine Bilder) und Regentag. Der Künstler liebte den Regen.

Bilder

Und man erfährt, dass der Anlass des Baues in Magdeburg ein Kinder-Malwettbewerb war. Die Frage: Wie möchte ich wohnen? 100 Kinder hatten Zeichnungen eingereicht. Die kleine Maria malte den Wohnstiefel mit bunter Fassade, schrägen Fenstern, Bäumen. Eine Wohnungsbaugenossenschaft als Eigentümer des Grundstückes schrieb den Künstler in Wien an. 1997 kam dessen Zusage. Seine Begründung für ein Ja: Magdeburg sei es würdig, von der geraden Linie befreit zu werden. In der geraden Linie wohne weniger Gott und menschlicher Geist, sagte Hundertwasser.

90 Jahre Hundertwasser

Magdeburg (hi) l Friedensreich Hundertwasser galt als genial und umstritten. Heute vor 90 Jahren wurde der visionäre Künstler geboren. In der ganzen Welt stehen seine Bauwerke, in Deutschland alleine zehn, eines davon in Magdeburg. Ein Blick auf einige seiner Bauwerke.

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  • Das beliebte Ausflugsziel im Zentrum der ostdeutschen Landeshauptstadt war das letzte große Bauprojekt des österreichischen Künstlers Friedensreich Hundertwasser (1928-2000). Foto: Jens Wolf

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  • Beste Lernbedingungen, auch mit Hilfe eines neuen Computernetzwerkes, haben die rund 600 Gymnasiasten in dem Hundertwassergymnasium

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  • Der Hundertwasserturm in Abensberg (Niederbayern). Er ist 35 Meter hoch und wirkt in Niederbayern wie ein Exot aus Aladins Märchenwelt - seit Freitag ist das letzte Architekturprojekt von Friedensreich Hundertwasser auch offiziell geöffnet. Der  Hundertwasserturm soll in Zukunft jedes Jahr mindestens 50.000 Besucher anlocken. Die Verwirklichung des Bauwerks hat zwölf Jahre gedauert, Hundertwasser starb am Anfang der Planungsphase im Jahr 2000. Foto: Armi Weigel/dpa

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  • Der

    Der "Hundertwasserbahnhof" im niedersächsischen Uelzen. Der außergewöhnliche Bahnh...

  • Das Hundertwasserhaus in Plochingen (Kreis Esslingen).  Er hasste strenge Geometrie, glatte Fassaden und graue Betonwüsten - Friedensreich Hundertwasser (1928 bis 2000) hat der klassischen Architektur eine Gegenwelt mitabgerundeten Ecken, organischen Formen, farbigen Details entgegengesetzt. Eine dieser verspielten Märchenwelten hat er im Innenhof des Hundertwasserhauses in Plochingen geschaffen. Foto: Marijan Murat/dpa

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  • Das Ronald McDonald Haus in Essen. Das Haus, das nach dem letzten Architekturentwurf des Künstlers Friedensreich Hundertwasser erbaut wurde, gibt Familien, deren schwerkranke Kinder im benachbarten Universitätsklinikum behandelt werden, ein Zuhause auf Zeit. Archivfoto: Felix Heyder dpa

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  • Friedensreich Hundertwasser deutet auf den von ihm entworfenen Kindergarten im Frankfurter Stadtteil Heddernheim. Foto: dpa

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Gegen die gerade Linie

Mit der Zusage gab es jede Menge Diskussionen, auch eine Bürgerinitiative, die dafür kämpfte, vom unpassenden Bauvorhaben abzurücken.

Nach zwei Jahren Bauzeit wurde im Oktober 2005 die 27,1 Millionen Euro teure Grüne Zitadelle eingeweiht. Hundertwasser war da schon drei Jahre tot. Da er aber alles bis ins Detail geplant hatte, wurden seine Ideen postum umgesetzt – Hundertwassers Lieblingsfarbe Rosa, bewegte Wege, an denen Murmelliebhaber ihre wahre Freude haben, die Zwiebeltürme und die 750 Fenster, die bis hin zu den Fenstergriffen so verschieden sind wie die Bewohner des Hauses. Nur ein von ihm gedachter wellenförmiger Zebrastreifen wurde nicht umgesetzt – da pochte die zuständige Behörde auf die geradlinige Ordnung.