Halberstadt l Weithin bekannt ist das Gleimhaus in Halberstadt für seine einzigartige Porträtsammlung. Mit wem Gleim, der lange Zeit in Halberstadt wirkte und 1803 dort verstarb, einst korrespondierte, sich traf, Freundschaft pflegte, der gehörte gemalt in seinen Freundschaftstempel. Wer heute in all die in Öl verewigten Gesichter blickt, der hat nicht nur ein Who is Who des 18. Jahrhunderts vor sich, sondern der kann auch erahnen, wie viel Wert Gleim auf die Geselligkeit legte. Sie ist denn auch eines der acht Themen in der Sonderausstellung „Visionen in der deutschen Aufklärung“.

Eine Lorenzo-Dose als Geschenk

Passend zur Geselligkeit und zum neuen Miteinander ist ein kleines Döschen ausgestellt, eine sogenannte Lorenzo-Dose von 1769, Leihgabe aus dem Frankfurter Goethe-Museum. Die Dosen-Geschichte: Der arme Franziskanermönch Lorenzo bettelte einst, und ein Reisender ging vorbei und ignorierte ihn. Später trafen sich beide wieder und den Reisenden plagte das schlechte Gewissen. Er schenkt dem Pater neben Geld auch eine Schnupftabakdose. Lorenzo wiederum, entzückt über diesen Wandel, schenkt dem Gebenden nun seine Schnupftabakdose, die aus Horn ist und nicht so schick. Die Schenkungs-Zeremonie war Ausgangspunkt für einen Orden der Humanität, einen Freundschaftsorden. Und die Dosen wurden Mode, nicht nur in Gleims Kreisen. Hunderte hat es gegeben, nur eine, die nun zu sehen ist, soll die Zeit überlebt haben. Deutlich prangt auf dem kostbaren Objekt in Versalien: „Pater Lorenzo – Liebet euch unter einander“. Gleimhaus-Chefin Ute Pott nennt die Lorenzo-Dose ihr Lieblingsobjekt, vor allem der Bedeutung wegen: „Sie verbindet Freundschaftskultur und aufklärerische Debatte mit der Vision, dass das weltweit trägt.“

Dieser Wunsch nach einem anderen Umgang im Miteinander gehört zu einer der Visionen des 18. Jahrhunderts. Die Ausstellung zeigt, dass es jede Menge hehre Ziele gab: Humanität und die mit ihr verbundene Würde des Menschen, Bildung für alle, der Wunsch nach ewigem Frieden, ebenso das Mühen um die Entwicklung des Deutschen als Literatursprache, die Idee der freien Autorschaft. Künstler sollten nicht abhängig sein von einem Regenten.

Bilder

Erzählt wird von den Reformpädagogen, den Philanthropen, also Menschenfreunden, die das Schulsystem als dringend erneuerungsbedüftig empfanden. Schriftstücke und Lehrmaterial von der ersten philantropischen Schule in Dessau zeigen, was den Unterricht ausmachen sollte: Statt zu befehlen, warnen und zu strafen sollte es Rat und Hilfe geben. Eine Spendenquittung zur Unterstützung dieser Arbeit ist ausgestellt – Gleim gehörte zu den Förderern.

Ein Starterpaket für Goethe

Auch wenn die Schau keine Ausstellung zu Gleim ist, sondern den Fokus auf die kulturelle Entwicklung im 18. Jahrhundert legt, ist alles mit dem Tun des Dichters, Mäzens und Aufklärers verbunden. Im Kapitel um das literarische Nachlassbewusstsein wird das besonders deutlich. Gleim sammelte leidenschaftlich Bücher und Briefe. Er wollte erhalten. Das Gleimhaus weist gern darauf hin, dass sein Namensgeber das erste deutsche Literaturarchiv gründete – noch vor Dichterfürst Goethe. Ute Pott nennt Gleim mit Blick auf das literarische Nachlassbewusstsein einen Pionier. Dokumentiert wird das mit Handschriften. Zwei Jahre nach Gleims Tod soll dessen Nachlassverwalter ein Paket mit Handschriften aus Gleims Sammlungen geschnürt haben. „Es war das Starterpaket für Goethes Autographensammlung“, sagt Pott. Die Schriftstücke gehören heute der Klassik-Stiftung Weimar. Für die Ausstellung wurden sie nun als Leihgaben an ihren Ursprungsort zurückgeholt.

Die Ausstellung im Gleimhaus läuft bis 21. Oktober, Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr. Nächste öffentliche Führung am 1. September, 11 Uhr.