Große Cornell-Schau: Fragile Kunst in vielen Kästchen
Er hat sich sein Leben lang fast nur von Schokokuchen und Eiscreme ernährt. Er ist fast nie gereist. Er konnte weder zeichnen noch malen. Joseph Cornell war trotzdem ein einflussreicher Künstler.
Wien (dpa) -Der US-Regisseur Wes Anderson (Grand Budapest Hotel) und der türkische Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk gehören zu seinen Fans: Der Amerikaner Joseph Cornell (1903-1971) hat als Autodidakt die Kunstszene beeinflusst.
In Jahrzehnten unermüdlichen Sammelns von Strandgut sowie Stöberns in Antiquariaten und auf Flohmärkten hat er all die Teile zusammengetragen, die er in fragilen Kompositionen in Kästchen (Boxes) platzierte.
Unter dem Titel Fernweh zeigt das Kunsthistorische Museum (KHM) in Wien nun mit 80 Objekten die bisher größte Cornell-Schau in Europa. Sie war zuvor mit großem Erfolg in der Royal Academy in London zu sehen.
Mit der Ausstellung setze das KHM nach der Präsentation der Werke von Lucian Freud 2013 die Reihe von Retrospektiven moderner Meister fort, sagte die Direktorin Sabine Haag am Montag. Fast alle der meist privaten Leihgeber in den USA hätten erst in persönlichen Gesprächen davon überzeugt werden können, ihren oft sehr zerbrechlichen Kunstschatz aus dem Haus zu geben. Eine dritte Station im Metropolitan Museum in New York sei von den Eigentümern abgelehnt worden.
Im ersten Werk seiner sechsteiligen Apothekenserie hat Cornell, der sein Leben lang im Elternhaus am Utopia Parkway in New York wohnte, 20 Glasfläschchen mit scheinbar wertvollen Ingredienzen gefüllt. Die Perlen, das Sägemehl und der Schmetterlingsflügel aus Papier sind Hinweise auf die Wandelbarkeit von Stoffen. Cornells lebenslanges eigenes Fernweh, er hat die USA nie verlassen, schimmert in vielen Werken durch - und gilt auch dem All. In der Himmels-Navigation ersetzt ein Stück Treibholz das Raumschiff.
Cornell war eigentlich Vertreter einer Textilfirma, der weder zeichnen noch malen konnte und sich auch nicht auf Bildhauerei verstand. Am Küchentisch des Elternhauses schuf er oft nachts seine Boxes. Joseph Cornell ist eine der großen Überraschungen in der Kunst, meint der Kurator Jasper Sharp. Er habe nachhaltigen Einfluss auf Künstler wie Jasper Johns und Andy Warhol gehabt.
Cornell starb schon mit 69 Jahren - wohl auch wegen seiner einseitigen Ernährung, die laut Kurator Sharp hauptsächlich aus Süßigkeiten bestand.